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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 262

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 262 (sequence 30)
Language
German
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262 sagen. Man muß takke noch froh sein, wenn sie nebenbei noch ä Blatt Gemore kennen." In so lange Auseinandersetzungen und Meinungsäußerungen hatte sich ihr Mann seit Jahren nicht eingelassen. Sie sah ihn bewundernd an. Wie recht hatte er! Rüttelte die „neue Mode" nicht mit Gewalt an der hergebrachten Sitte, rüttelte sie nicht auch an den Grundvesten ihres Hauses? Aber sie durfte ihm das nicht eingestehn, ihn nicht unruhig machen, und Benjamin mußte sie schützen. Schützen? Vor wem? Vor dem Willen des alten, gebrechlichen Vaters? Das hätte sie schon vermocht. Aber konnte sie ihn schützen vor sich selbst? Sie, die schwache, einfältige Frau? Klar und deutlich empfand sie jetzt den Abstand, der sie von ihrem Sohn, ihrem Herzensliebling, ihrem Jüngsten trennte — ihrem Benjamin. Es war ihr, als hätte sie sich versündigt, weil sie ihn zu sehr geliebt hatte, ihn, der wie aus einer andern Welt war. Vielleicht garnicht aus einer Welt, sondern wie vom Himmel niedergestiegen. Wie ost hatte sie sich auf solchen sündhaften Gedanken ertappt . . . und jetzt und heut? Der Himmel, aus dem er kam, war nicht ihr Himmel! Dort thronte nicht der Gott ihrer Väter und hielt Gericht, umgeben von feinen Heerschaaren . . . Ein unendliches Weh erfaßte chr Herz, aber sie lächelte und dann ließ sie sich zur Seite ihres Mannes nieder, sie, die sonst immer demüthig vor ihm stand, wenn er mit chr sprach. Ihre Füße schwankten, sie hatte diese Unterredung kommen sehen und herbeigewünscht, nun aber zitterte sie davor. „Was kann man thun? Er sieht blaß aus und ist wie vertracht't mit seine großen Augen. Und oft hört er gar nix, was man mit ihm red't. Und die Nächte durch sitzt er wach in seiner Stub' über die Bücher und schreibt und schreibt und schreibt bis in lichten Tag . . . „Was schreibt er?" ... „Er spricht sich nix aus. Zu wem? Er hat kein Mensch, kein Freund, kein Niemand" ... ihr Mund lächelte noch immer, aber in ihrer Stimme waren tausend bange Klagen. „Warum geht er nicht mit die Bachurim, die Herkommen.

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