Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Handels
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 109 (sequence 20)
- Language
- German
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109 Paris, London, Wien, Hamburg und Berlin verketten und auf die Weltpolitik entscheidenden Einfluß ausüben, das ist genügsam bekannt. Als der Lord Beaconsfield des sechzehnten Jahrhunderts, der reiche Seidenfabrikant und dem großen Bankhause der Mendes anverwandte Finanzminister Selim's ll., Don Joseph Naßi, Herzog von Naxos, das ganze Abendland zum Kampf herausforderte mit dem verwegenen Plan, die Adern des venetianischen und französischen Exporthandels zu unterbinden und die Türkei zum mächtigen Industriestaat zu erheben, da erschien auf den Brettern Londons Marlowe's „Jude von Malta", der Vorläufer von Shakespeare's Shylock. Der Jude galt eben damals nur als der Geldleiher, der Wucherer — trotz Lombarden und Caorsinen. Der moderne Jude ist wieder Kaufherr, Industrieller, Künstler und Forscher, aber vor Allem Vollbürger, von echtem Bürgersinn erfüllt, ob in Deutschland oder Frankreich, Italien oder England und Amerika. Daneben aber ist ihm ein besonderer kosmopolitischer Zug geblieben vermöge seiner Geschäfts- und Geistesbeziehungen zur großen, weiten Welt, der seinem gesamten Patriotismus den höheren Schwung und Ausblick verleiht. Und gerade darum hat der Handel der Juden mit seiner großen Verzweigung noch heute seine zivilisatorische Mission, wo man immer die alten mittelalterlichen Schranken der Nationalität oder des Glaubens auf Kosten des Bürger- und des reinen Menschentums aufrecht erhalten will. Rußland braucht wahrlich den Juden viel notwendiger als der Jude das russische Land, und der deutsche Kaiser weiß besser als der Zar oder das preußische Junkertum, was dieser Handel für den Aufschwung und die Blüte der Länder geleistet hat und leistet. Ich schließe mit dem Schiller'schen Spruchs: Euch, ihr Götter, gehört der Kaufmann. Güter zu suchen, Geht er, doch an sein Schiff knüpfet das Gute sich an.