Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5662
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Sache in Frankreich ist freilich ein starker Tropfen Wermut gefallen durch den Tod Emil Zolas, des genialen Romandichters, der mit unvergleichlicher Hochherzigkeit und mit geradezu heroischem Mute der zügellosen Leidenschaft seines verblendeten Volkes entgegen getreten war, um seine Stimme für Wahrheit und Recht, für das schuldlose Opfer schändlicher Intrigen, für Hauptmann Dreyfus, zu erheben. Kein Held hat für das, was er für Menschen- und Bürgerpflicht hielt, freiwillig größere Opfer gebracht, als Zola. Schon hierfür gebührt ihm ein Platz im Ehrentempel der Menschheit. Aber so tiefe Trauer gerade uns Inden das plötzliche Hinscheiden dieses edlen Mannes verursacht, so hat doch sein Leichenbegängnis gezeigt, wie gänzlich auch in Paris selbst die Zustände sich zum Bessern gewandt haben. Hunderttausende begleiteten den noch vor einem Jahre Verfehmten zur letzten Ruhe; Alfred Dreyfus durfte unangefochten unter den Leidtragenden mitgehen; in ohnmächtiger Wut sahen Antisemiten und Klerikale der imposanten Kundgebung für den Märtyrer der Ehre und der Glaubensfreiheit z>t> So trägt das Gute und die Wahrheit doch schließlich den Sieg davon. Zerrissen ist das feste Netz, mit dem der Klerikalismus für immer das Frankreich der großen Revolution in Banden zu schlagen geglaubt hatte. Fern von uns sei jede religiöse und jede politische Polemik — aber diese Niederlage der französischen Ultramontanen ist der Triumph des Rechtes und der Freiheit, und als solchen begrüßen wir sie mit Jubel. Die Bewegung hat sich auch nach Algerien fortgesetzt. Das zusammengelaufene kosmopolitische Gesindel, das die große französische Kolonie mit allen Mitteln trügerischer List und rohester Gewalt unter die Schreckensherrschaft des Antisemitismus gebeugt hatte, ist vor der Entschlossenheit einer wahrhaft republikanischen Regierung wie Sand vor dem Sturme zerstoben. Ihr Häuptling Max Regis wurde als „Anti-Franzose" öffentlich beschimpft, wegen Nichtbezahlung der Geldstrafen, zu denen er wegen seiner Verleumdungen schuldloser Juden verurteilt worden, auf drei Jahre ins Gefängnis abgeführt, mußte seine Entlassung als Mitglied des Generalrats der Kolonie geben und fiel nebst seinen berüchtigten Genossen Drumont, Morineau u. s. w. bei den