Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111911--1127-3112100- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 177 — und nachdenklich. „Es scheint wahrhaftig, als kämen wir nie mehr davon los. Als verfolge sie uns überall hin. Der Justizrath hat Recht, sie setzt sich mit uns zu Tisch, sie begleitet uus in die Gesellschaften, in die Theater und Konzertsäle, sie steht neben uns, wo wir uns hinausbegeben in die Welt, macht sich neben uns breit auf Reisen, drängt sich in unsere Träume und in unsere Gebete." „Du übertreibst, Fann'scherl. Die Phantasie und Beredsamkeit der Friedländer wird in Dir lebendig. Ein bischen in Superlativen denken und sprechen, das kennen wir," neckte er sie gutmüthig, um ihre Erregung zu beschwichtigen. „Aber Du siehst es ja selbst, Josua! Wir setzen uns hier gemüthlich zusammen, um noch ein wenig zu plaudern, auszuruhen nach den Anstrengungen der größeren Geselligkeit, denken an nichts Schlimmes, sind im Gegentheil dabei, unseren Verwandten einen Vorwurf daraus zu machen, und ehe wir uns versehen, sind wir selbst mitten drin." „Ich hätte natürlich mitten mang gesagt," versuchte er noch einmal dem Gespräch eine scherzhafte Wendung zu geben, „Lieber Josua, scherze nicht. Mir ist sehr ernsthaft zu Muthe. Ist denn das nicht sehr traurig, daß unser Denken nur von dieser einen Sache beherrscht wird? Daß wir uns nicht mehr davon frei machen können? Nicht darüber hinauswachsen können? Daß sie uns einschüchtert, ängstigt, kleinlich und bedenklich macht? Verbittert?" „Ja, mein liebes Kind, wenn Du es verlangst, daß ich ernst davon spreche, muß ich allerdings sagen, daß auch ich die Zustände für sehr traurig halte, trotzdem uns Kausleute, im großen Getriebe des Welthandels und Geldverkehrs stehend, immer noch verhältnißmäßig große Konzessionen gemacht werden, gemacht werden müssen . . . Wie lange noch? Wer kann das wissen? So eine schwärende Wunde frißt weiter trotz der Morphiumeinspritzungen, wie es Freudenthal nennt. Er kann ein Lied davon singen. Einer der genialsten Architekten, voll Geist und Geschmack mit einer künstlerischen Auffassung und Durchbildung, wie sie in unserm, grade auf dem Gebiete nicht sonderlich bevorzugten Berlin, selten an- 12