Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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265 „Du Wust mi Wat bauen!" jammerte die Kleine mit ängstlicher Miene und suchte ihr Aermchen loszuwinden. „Ick bau di nix!" fuhr die schwarze Riwke sie an und umspannte das Aermchen fester. „Du wist mi doch Wat bauen. Lat mi los, lat mi los!" schrie sie weinend auf. Die Kinder auf der Wiese hörten das Geschrei und guckten empor. „De Judenhexe! de Judenhexe!" riefen sie, und die verwegensten der Jungen liefen nach der Brücke hin. Die Kleine kreischte noch lauter. „Still, Untucht!" herrschte die schwarze Riwkesie an, und eine unheimliche Glut funkelte in chren Augen. „De Judenhexe will Stine daud maken!" schrieen die Jungen. Von den nahen Wiesen erhoben sich drohend Heuforken und Mistgabeln. Galt es den Kindern, galt es der schwarzen Riwke? „Judenhexe! Judenhexe!" erscholl es immer lauter. Die Jungen waren schon auf der Brücke, und die ersten Steine umflogen die schwarze Riwke. Fester und fester umkrallte ihre Hand des Kindes Arm. Wild wirbelten ihr die Gedanken und Vorstellungen im Hirn. Rief da nicht einer: Schlat se daud, schmiet se in"t Water? „Judenhexe, Kinnerschlächter!" erscholl es ganz dicht hinter ihr. Sie sieht sich halb über die Schulter um, und plötzlich schlägt sie ein heiser gellendes Gelächter an, reißt das schreiende, sich sträubende Kind mit wahnsinniger Kraft auf die Mauer und stürzt sich mit ihm in die tiefe Flut, die kollernd über beide zusammenschlägt. Von der Brücke und der Wiese her ertönt ein einziger wilder Aufschrei — dann wird's todtenstill.