Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111070-3111582--0385-3111652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 in London und den Provinzstädten neue Synagogen. Den einzigen Schatten auf dem lichten Bilde wirft der schroffe Gegensatz, der sich zwischen den Juden russisch-polnischen Ursprungs im Osten und den eigentlich englischen im Westen Londons herausgestellt hat; die religiösen Anschauungen und Bedürfnisse dieser Gemeinschaft sind in der That ebenso verschieden, wie ihr beiderseitiger allgemeiner Bildungsstand. Gegen die polnisch-russische Einwanderung war auch die „Fremdenbill" gerichtet, die die englische Regierung im Oberhause einbrachte, und die dort wirklich Annahme fand. Im Unterhause jedoch kam sie nicht zu ernstlicher Verhandlung und ist so wieder verschwunden. Die Regierung hatte sich Elementen gegenüber, die den „Schutz nationaler Arbeit" wider die genügsamen russischen Eingewanderten anstrebten, zur Einbringung eines solchen Gesetzes verpflichtet, für das sie aber offenbar geringes Interesse hegte. Der kriegerisch-patriotische Geist, den die Juden überall da zeigen, wo das Vaterland ihnen wahrhaft väterliche Gefühle erweist, bewährte sich auch in England. Aus Veranlassung des rühmlichst bekannten Obersten Goldsmid wurde vor zwei Jahren in London eine „Jüdische Knaben-Brigade" behufs militärischer Ausbildung begründet. Sie zählt bereits 459 junge Soldaten, die unter Aufsicht jüdischer Offiziere des aktiven Heeres exerciren und im August dieses Jahres förmliche Felddienstübungen anstellten. Für den Ernstfall aber hat sich derselbe Geist in dem anderen großen angelsächsischen Gemeinwesen, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, während des Krieges gegen Spanien glänzend bethätigt. Tausende von jüdischen Freiwilligen eilten zu den Waffen, um für das geliebte Vaterland, für das Land der Freiheit, gegen das Land der Knechtschaft zu kämpfen. Besonders haben gerade die russischen Einwanderer, und zumal diejenigen, die stüher im Heere des Zaren gedient hatten, sich zu vielen Hunderten unter das Sternenbanner gestellt. Mehrere dieser jüdischen Krieger haben in Cuba ehrenvolle Wunden oder den Schlachtentod erlitten. — Auch im geistigen Streben bleiben die amerikanischen Juden nicht zurück. Ihr Litteratur-Jnstitut (Jewish Publication Society) zählt bereits 5000 Mitglieder und hat 26 Bücher