Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5658
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 9)
- Language
- German
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Mentioned entities
- Oran 1× ep/1048048
- Tunis 1× ep/1048155
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13 durch Fleiß, Nüchternheit und Betriebsamkeit begüterten Juden erfüllte. Schon im vorigen Jahre kam es bekanntlich in einigen Provinzialstädten zu Judenhetzen. Der Zolaprozeß lieh dann den niedrigsten Leidenschaften einen patriotischen Mantel; der Generalgouverneur Cambon begünstigte die Unruhstifter im Geheimen. Ende Januar fanden in der Stadt Algier schmähliche Plünderungen und Mordthaten gegen die Juden statt; erst als es zu spät war, ließ Herr Cambon das Militär einschreiten, das schnell mit dem Gesindel fertig wurde und 300 der Buben verhaftete, die von den Gerichten zu strengen Strafen verurtheilt wurden. Zwar ward Cambon durch den unparteiischen und thatkräftigen Lepine ersetzt, der bei neuen Aufständen im März energisch eingriff. Allein das verschämt klerikale Ministerium Meline suchte nach den Wahlen Anschluß an die Antisemiten, begnadigte alle wegen der Unruhen Berurtheilten, berief den wackeren Lepine ab und erklärte sich so zum Verbündeten der Meuchler und Räuber. Freilich konnten diese schmachvollen Zugeständnisse das Kabinet nicht retten, aber das neue Ministerium Brisson sandte einen gewissen Laserriere als Generalgouverneur nach Algerien, einen schwachen Menschen, der wieder mit den Antisemiten paktirte. Selbstverständlich hat schwankende Benehmen der Regierung dem Gesindel in Algier und Oran Muth gemacht. Es betreibt die Judenhetze geradezu als Sport, plündert Geschäfte, mißhandelt Wehrlose, vergreift sich an der Polizei und bleibt, trotz einzelner Verhaftungen, im ganzen straflos. Die Antisemiten üben in der Stadt Algier eine förmliche Schreckensherrschaft, und ihr laut verkündetes Ziel, dort den Juden das Leben unmöglich zu machen, scheinen sie thatsächlich erreichen zu sollen, nachdem es ihnen gelungen ist, ihren Hauptführer, den Italiener Max Regis, zum Bürgermeister von Algier zu machen. Von Algerien verpflanzte sich natürlich die antisemitische Agitation auch nach der französischen Schutzherrschaft Tunis, wo Ende März einige Unruhen stattfanden. Allein in Tunesien regiert die französische „Civilisation" noch nicht unbedingt, und die Polizei des Bey unterdrückte schnell die widerlichen Prügel- und Plünderungsattentate. Der moralische Zusammenbruch des ganzen Antt-Dreyfus-