Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Der junge Buber und der Herzlsche Zionismus
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 10 (sequence 6)
- Language
- German
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Hans Kohn zum erstenmal in erweiterter und vertiefter Auffassung auch im Westen eine national-kulturelle Bewegung. Er trat zugleich hier — was er im Osten nicht hatte tun können — in den Rahmen einer allgemeinen europäischen Kulturströmung. Der Zionismus dieser Jungen gewann Leben, er wurde greifbare Wirklichkeit, Gegenwart, Fülle. Alle spätere Entwicklung des Zionismus fußt auf der Tätigkeit dieses Kreises von 1900 bis 1904, auf ihrer unermüdlichen Hingabe und ihrem jugendlichen Enthusiasmus. Im Winter 1900/1901 gründete Buber eine Sektion für jüdische Kunst und Wissenschaft in der Berliner Zionistischen Vereinigung. Lebendige Kunst eines lebendigen Volkes und Wissenschaft des jüdischen Volkslebens sollten dort gepflegt werden. Der Zionismus sollte die engen Parteischranken durchbrechen, Männer, die außerhalb der Partei standen, wie Achad Haam und Nathan Birnbaum, zu Worte kommen. Der Zionismus war diesem Kreise zum erstenmal „eine Bewegung unserer Volksseele zum Schaffen, eine Bewegung von Ideen, die Wirklichkeit werden sollen, eine große Bewegung, die um die gleichsam festgewoidene Partei und über sie hinausflutet". Das waren damals neue Worte. Das Wort „Bewegung" kehrt immer wieder, tritt in Gegensatz zum Wort „Partei". Es bedeutet Leben, Jugend, Fülle, Dynamik. Die Partei dagegen ist Erstarrung, Maschinerie, äußerliche Routine und Enge. Bubers Berliner Bestrebungen sollten ein Jahr später in Wien, wo er mit Berthold Feiwel zusammenwirkte, verstärkt aufgenommen werden. Buber dachte damals an die Begründung einer Freien Jung jüdischen Bühne, als eine Vorbereitung dazu sollten jungjüdische Vortragsabende veranstaltet werden. Buber bot sich in Wien, wohin er im Jahre 1901 übersiedelte, ein reicheres Tätigkeitsfeld als in Berlin, er übernahm in Wien eine der wichtigsten Stellungen, die die Partei zu vergeben hatte. Er wurde als Nachfolger seines Freundes Feiwel Redakteur des von Theodor Herzl begründeten Zentralorgans der Partei, der „Welt". Die Monate, die er dort verbrachte, sollten für seine Entwicklung von Einfluß sein; sie lösten ihn von der Enge der eigentlichen Parteitätigkeit und sie verliehen ihm gegenüber den Berliner Jahren reifere Einsicht in geschichtliche und menschliche Zusammenhänge, die er im Jahre 1902 zuerst in seiner Abhandlung „Die Schaffenden, das Volk und die Bewegung" niederlegen sollte. * Wien war damals der Mittelpunkt der Zionistischen Bewegung: Dort lebte Theodor Herzl. Herzl war ein Führer, an den die Massen geglaubt haben, eine mit sich fortreißende, gebietende Persönlichkeit, ein großes Temperament — die Erinnerung an ihn war spä- 10