Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Martin Buber, ein Mann von fünfzig Jahren
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Arnold Zweig der müheloseste Verstand, dem ich je begegnen durfte — entbehrt im Schreiben jeder mozartschen Gelenkigkeit und Leisheit — als hätte für ihn das Gesetz keine Gültigkeit, wonach die wahrhaft gewichtigen Dinge sich am besten secco, mezzoforte, con brio vortragen. Ein Mann, der nie ohne bedeutenden Gegenstand sich rührte, und der noch dem bedeutendsten sich gewachsen zeigte, konnte von einer Jugend erst gekürt und dann verlassen werden, die von ihm kaum die Randzone zu erwittern vermochte; ein Schrift-steller von Geburt erwählte sich aus Drang die Rede, ohne lange Zeit wirklich frei zu reden — Geschriebenes vorlesend, einer Gemeinschaft (ganz zu ihr hingewandt), von der er sich durch ein Manuskript schied. Zu den Menschen gehörend, die jünger werden je tiefer sie reifen, und also am Anfang seiner Veröffentlichung fast älter sich darstellend als heute, glaubt er doch damals, die Jugend halten zu können; ein universeller Denker der Menschenseele, und universell gerichtet und gebildet in allem Religiösen und Gottes-süchtigen, beschränkt er sich lange auf das Jüdische, und seine Wirkung, die unterirdisch weit und tief ins Gebiet der europäischen Geistigkeit hineinreicht — ein universeller Literaturkritiker, Dichtungskritiker ganz nebenbei und fast nur im Gespräch — sie läßt er sichtbar werden nur in der Brechung, die ihr das vergleichsweise enge Gebiet der jüdischen Renaissance erlaubt. Sein erstes Buch widmet er seinem Großvater; „das Moderne ist eine belanglose Kategorie", sagt er gelegentlich; die heftigen Vorstöße des modernen Denkens in die Menschenseele, Psychoanalyse, wehrt er mit gleicher Heftigkeit ab; sein Sozialismus isoliert ihn innerhalb der Parteien anstatt ihn zu verbünden; erst mit fünfzig Jahren gesteht er, fast seufzend und dabei auch wieder fast schelmisch: „Ich ahnte ja früh, wie ich mich auch dagegen wehrte, daß mir unausweichlich bestimmt sei, die Welt zu lieben." Undenkbar ohne den Atheisten Friedrich Nietzsche, entwirrt er die Grundtatsachen der jüdischen Mystik in ganz klar gepackten Beschreibungen ihrer Phänomene — unbekannt bis zu ihm in ihrer inneren Zusammensetzung; und um das Leben der Menschen zu erneuern, geht er nicht zu diesen Menschen, wie sie nun einmal sind, zu den konkreten lebenden Trägern des überwältigenden Alltags, sondern „zurück zu den Quellen": erst des Chassidismus, dem er zu europäischer Gekanntheit verhilft, und dann „der Schrift" selbst, der Heiligen Schrift, die er mit Franz Rosenzweig auf geradezu grandios eigensinnige Weise dem Alltag entreißt, entgewöhnlicht, in ihrer unbesiegbaren Fremdheit und Einmaligkeit, Einsamkeit aufrichtet: da steht sie jetzt, furchteinflößend, morgenländisch, altjudäisch, ein Runenstein, Druiden- 2