Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Ein Brief
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 103 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Bemerkungen Entgegnung Döblins Entrüstung über verschiedene Mitarbeiter des Sonderheftes „Antisemitismus und jüdischesVolksturm" und über den Gastgeber, der sie im jüdischen Hause ebenso frei ihre Meinung sagen ließ, wie sie sie vermutlich auch anderswo geäußert hätten, ist nicht vereinzelt. Mehrere jüdische Blätter sind ebenfalls recht unzufrieden mit den Beiträgen von Flake, Schmitz, Schumann, Michel usw., an die auch sie sich in erster Linie halten, ohne die anderen Aufsätze des Heftes viel zu beachten. Und ein mir bis dahin unbekanntes Blättchen (klein jedenfalls dem Formate nach) faßt seine Meinung in der Überschrift seines Leitartikels ,,Mehr Selbstachtung, meine Herren!" prägnant zusammen, geradezu wörtlich mit Döblin übereinstimmend. Trotzdem irren beide (Ich gehe nur auf den ersten Teil von Döblins Bemerkungen ein). Zunächst in einer tatsächlichen Voraussetzung: „Der Jude" veranstaltet keine Enqueten. Die Aussprache , die mit den Aufsätzen Schumanns und Michels bereits im achten Jahrgang der Zeitschrift begann und die nicht abbrechen zu lassen, eine der Veranlassungen des Sonderheftes war, ist nicht nur dem Terminus, sondern auch der Sache nach von einer Umfrage verschieden. Diskussion war und ist beabsichtigt, freie Rede und Gegenrede; Redefreiheit demnach. Wenn Döblin zuerst Selbstbesinnung zu Hause fordert, so überträgt er damit vielleicht seine eigene, persönliche Situation auf uns, wie das ja so oft geschieht und der Grund zahlloser Mißverständnisse wird. Acht Jahrgänge dieser Zeitschrift unter anderer, z. T. schon drei und mehr Jahrzehnte zurückliegender Literatur sind Zeugnisse solcher Besinnung. Döblins vielleicht private Notwendigkeit ist nicht mehr ganz die unsere, die trotzdem zu einem erheblichen Teil bestehen bleibt und niemals aufhören solL Aber zur Diskussion fühlen wir uns immerhin legitimiert; woher sollten wir sonst den Mut zu ungleich Schwererem nehmen, zur Verwirklichung des Geistes, um die wir nun schon jahrelang kämpfen müssen, wenn uns das Vertrauen fehlte, diesen Geist zunächst im Kampf der gesprochenen und geschriebenen Meinungen zu bewähren? Ja, wir gestehen sogar den Drang, das lebhafte Verlangen nach solcher Aussprache ein: als einer Vorstufe zur Verwirklichung, die — was nicht übersehen werden soll — doch nicht von uns allein abhängt, in der Diaspora viel weniger noch als in Palästina. Von einer Aussprache über die künftigen deutsch-jüdischen Beziehungen oder über das Schicksal des Juden unter Franzosen und Engländern, die Deutschen, Franzosen und Engländer ausschließen wollen — vor solcher Hybris schwindelte mir. Ich bin blaß vor Schrecken geworden. Es ist übrigens nationale Hybris, so komisch das auch klingen mag. Denn Nichtzionisten oder nur sehr bedingte Nationaljuden als Wortführer im Kampfe um jüdische „Selbstachtung" gegen sie (angeblich) preisgebende nationalgesinnte Juden — das ist die Umkehrung der zionistischen Situation vor zwanzig und dreißig Jahren. Der stärkste Angriff der Zionisten galt damals der Würdelosigkeit, dem Mangel an „jüdischem Selbstgefühl"1) bei den „Assimilanten". Wenn gegen ein in ihrem Kern zionistische Public kation nun ein solcher Vorwurf auch von anderer als zionistischer Seite erhoben werden kann, so kann darin vielleicht eine erzieherische, Wirkung der zionistischen Bewegung festgestellt werden. An diesem Punkte läßt sich aber die fast geschlossene jüdische Front gegen unser Unternehmen psychologisch, aufrollen. Nur ein sehr junges Natiox) Dessen Förderung einen Teil des Baseler Programms von 1897 bildet. 103