Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Das jüdische Mittelschulwesen in Polen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 88 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101217-3110231--7892-3110348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Arjeh Tartakower Bei der Beurteilung der bisherigen Entwicklung und der Bedeutung des jüdischen Mittelschulwerks in Polen muß man sich immer die Tatsache vor Augen halten, daß es sich vorläufig noch um Anfänge handelt und daß das, was bisher geschaffen worden ist, kaum mehr als den Rahmen bedeutet, innerhalb dessen die eigentliche Entwicklung jetzt eben erst einsetzt. In den schweren Nöten der Kriegsjahre und der ersten Jahre nach dem Friedensschluß entstanden, hat dieses Schulwesen, das ja sozusagen aus dem Boden gestampft wurde, nicht nur dieselben großen Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, wie jedes neu entstehende nationale Schulwerk, das ein den spezifischen nationalen Bedürfnissen entsprechendes Erziehungsprogramm erst schaffen muß, sondern daneben auch noch viele aus der Not der Zeit sich ergebende Hindernisse, wie z. B. den katastrophalen Mangel an geeigneten Schulgebäuden, die allgemeine Verarmung, die ununterbrochene Geldentwertung usf. Erst wenn nach dem Nachlassen der großen, durch die Finanzreform verursachten Wirtschaftskrise ruhigere und normalere Zeiten eintreten werden, wird auch die innere Vervollkommnung der Schulen in rascherem Tempo erreicht werden können. Andererseits scheinen auch die unvermeidlichen Anfangsjahre mit ihren wahllos zusammengesetzten Lehrkörpern bald zu Ende zu sein. Den Schulen strömen in immer stärkerem Maße Kräfte zu, die sowohl vom allgemeinen pädagogischen als auch vom jüdischen Standpunkt aus als qualifiziert bezeichnet werden können und die in absehbarer Zeit der herrschende Typus des Lehrers in der jüdischen nationalen Mittelschule werden dürften. Freilich müßten zu diesem Zweck auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, gegen die heute die Schulen wohl am meisten anzukämpfen haben, aus dem Wege geräumt werden. Die Budgets der Schulen werden fast ausschließlich aus den Schulgeldern gedeckt. So ist denn die jüdische Mittelschule jetzt nichts weniger als demokratisch, da sie fast nur Kindern aus wohlhabenderen Schichten zugänglich ist, und andererseits sind Geldsorgen trotzdem eine fast ununterbrochene Erscheinung, die durch ihre Auswirkungen auch die pädagogische Entwicklung der Schule oft beeinträchtigen. Im Zusammenhang mit dieser keineswegs erfreulichen Erscheinung ist in den letzten Jahren der Gedanke aufgetaucht, die jüdischen Mittelschulen zu Institutionen der jüdischen Gemeinden zu machen und ihre Ausgäben aus den allgemeinen Gemeindeeinkünften zu bestreiten. Sollte die Verwirklichung dieses Planes ganz oder teilweise (etwa durch Erlangung größerer Subventionen von den jüdischen Gemeinden) gelingen, so würde dies die Wegräumung eines der 88