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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 137

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Leisten, nicht grübeln!
Date
1925-01-01
Page
137 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen sentlichen so viel zu vollbringen, wie man vermag. Ich möchte also aus subjektiven Gründen dem Aufnehmen und Fortspinnen der unendlichen Diskussion mich widersetzen. Aber auch die sachlichen Umstände, so scheint mir, zwingen in keiner Weise dazu. Zwar tobt der Judenhaß, mit Schimpfworten, feindlichen Emblemen und Gewalttaten, überlaut durch die Gassen. Aber wer tobt? Mit dem Pöbel diskutiert man nicht, man ßchützt sich gegen ihn, man wehrt sich, wo er unerschrockenen und starken Herzen zu nahe tritt, es ist eine Sache des Armes, keinesfalls des Geistes und Witzes. Dahinter steht die große Masse der nicht aggressiven, sondern stillschweigend oder auch räsonierend ablehnenden und ausschließenden Gegner, die dem Schlagwort gehorchen. Sie wären wohl aufzuklären und — in Grenzen — umzustimmen durch Belehrung: wenn sie sich belehren ließen. Zu gründlicher historischer, soziologischer, politischer, ethnographischer, kultureller, religiöser Unterweisung: wer von ihnen nähme sich Zeit, wer von uns fände Gehör? Das Material liegt ja vor und bereit, tu dicken und dünnen Büchern, in täglich neuen Zeitschriften, lebendig verkündet von manchem Katheder. Wem nützt es? Wir selbst schöpfen aus solcher emsigen Arbeit von Forschern, Findern und Mittlern das Wissen über uns und das Vertrauen zu uns. Die anderen kümmert es nicht. Bleibt die Schar jener Redlichen und Edlen, die sich vor der Ungerechtigkeit entsetzen, über der zweiseitigen Problematik der deutsch-jüdischen Situation grübeln und mit denen sich diskutieren ließe. Soll man also diskutieren? Aber ist nicht längst und immer von neuem alles gesagt, was gesagt werden kann? Mit dem Ergebnis, daß man hüben und drüben an eine Mauer stößt, durch die kein Tor zu führen scheint. Gerade vor den Verständigungsbereiten und Verständigungswürdigen auf der anderen Seite werden wir uns scharf und schmerzlich der Fremdheit bewußt. Was weiter? Immer aufs neue diskutieren? Immer wieder versuchen, das verhedderte Garn der Mißverständnisse auseinanderzuwickeln? Aber endlich einmal haben wir genug von ihren Forderungen, was Juden sollen und wollen dürfen, endlich einmal werden wir überdrüssig der Sprüche ex kathedra über Wert und Unwert des jüdischen Seins und Soseins. Endlich einmal kehren wir uns ab vom Erwägen, Spintisieren, Rechtfertigen und wenden uns hin zu unbelastetem Tun. Nie hat eine Zeit dringender das Vollbringen gefordert. Der zionistische Gedanke steht in weltpolitischer Verwirklichung. Er enthält Probleme, aber er selbst ist nicht mehr problematisch. Die Zustände in der Diaspora sind erhitzt bis zum lodernden Brand. Es heißt, sich wehren, sein Recht und seinen Platz verteidigen für jeden von uns, zu jeder Stunde. Der deutsch-europäische Zusammenbruch treibt zum Wiederaufbau. Wer wird erst lange fragen, ob er als Jude berechtigt ist mitzubauen? Und schließlich: die jüdische Frage ist nicht das Leben. Außer daß er Jude ist, weit darüber hinaus daß er Jude ist, weiß jeder von uns sich als Mensch. Als Mensch will er sein, wachsen, schaffen. Er will Tat oder Werk, Leistung und Erfolg, zum Trotz allen Widerständen, zu denen bei ihm noch die Widerstände gegen den Juden kommen. Mir scheint, die Zeit ist zu kostbar zum D iskutier e n. Moritz Goldstein für die Redaktion verantwortlich: Dr. Siegmund Kaznelson, Berlin-Charlottenburg — Jüdischer Verlag, Berlin NW7, Dorotheenstrasse 35

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