Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Entschuldbarer und unentschuldbarer Antisemitismus
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 133 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen fluß, auch unter Verletzung der Rechtsgleichheit, zurückzudrängen. Ich sage: ich hegreife das noch, obschon hier die Grenze, die kritische Stellungnahme gegenüber dem Judentum vom Antisemitismus trennt, schon überschritten ist. Nur die auch sonst zu beobachtende weitverbreitete Unfähigkeit, konsequent zu denken und Grundsätze zu erfassen, darf als Milderungsgrund gelten. Was ich aber nicht begreife, ist, daß jemand, der sonst im Leben zu den anständigen Menschen gezählt wird, die Schamlosigkeit haben kann, sich zu dem Antisemitismus, wie er heute im Parteileben auftritt, nach Zielen und Kampfmethoden, zu bekennen und ßich damit aus dem Kreise der anständigen Leute, mit denen man, bei aller Verschiedenheit der Anschauungen, ohne sich etwas zu vergeben, diskutieren kann, auszuschließen. Darüber diskutiere ich auch nicht. L. Quidde La Nuit Kurde Jean Richard Bloch hat der französischen Literatur den großen jüdischen Roman geschenkt. Sein ,,. . . et Cie." Nvar das breit angelegte Epos der Schicksale einer jüdischen Familie, die aus dem Elsaß in den Westen Frankreichs verschlagen wurde und in der das alte, m sich selbst sichere Gefüge jüdischer Kraft und Tradition allmählich zerbrach und sich auflöste, bis aus dem alten Palrizierblut in der Folge der Generalionen beides hervorging: Verfall in Schwäche und Zersetzung in Lebensgenuß auf der einen Seite und auf der anderen ein neuer Anfang, der, so sehr seine Wege von denen der alten Tradition abwichen, sich dennoch mit ihnen in Einheit des Lebensrhythmus verbunden fühlte. Nun folgt Jean Richard Bloch? zweiter großer Roman „La Nuit Kurde". Die Breite des Epos hat sich hier zu dem leidenschaftlichen Pathos eines Selbstbekenntnisses verdichtet. Die ruhige breite Kraft, die Stille und Zartheit, die das Schicksal der jüdischen Familie in Westfrankreich begleiteten, sind hier nicht zu finden. ,,. . .et Cie." war das Buch sommerlicher Reife und herbstlicher Stimmung. „La Nuit Kurde" erscheint uns, irgendwie als ein jüngeres Buch, als Frühling, Sturm, entfesselte Leidenschaft. Die Zügel der Klarheit und Vernunft, die sonst gerade die französische Kultur schöpferischer Leidenschaft aufzuerlegen weiß, die mäßigende Grazie des Tages mit ßeinen scharfen und deutlichen Umrissen verlieren ihre Herrschaft, die Urinstinkte, die in den Nächten erwachen, treten in ihre Rechte, dunkel geahnte Zusammenhänge werden lebendig, die Stimme des Blutes spricht. ..La Nuit Kurde" ist die Geschichte zweier Seelen und zweier Rassen. Keine von ihnen ist jüdisch. Dennoch ist dieses Buch das Selbstbekenntnis eines Juden in Frankreich, eines Orientalen im Okzident. Es ist das Hohe Lied der Kraft der Rasse, die ihre Art selbst in fremdester Umgebung erkennt und nach ihrer Verwirklichung strebt. „Mein plötzlich von seinen Fesseln befreiter Geist zieht mich nach anderen Ländern und nach anderen Zonen, dort, wo die Urprünge meiner Rasse wurzeln, wo mein Herz heimlich wohnt, wohin mich Heimweh ruft. O Frankreich, das ich so liebe, Franzosen, in deren Mitte ich so freudig und sehnsüchtig gelebt und gekämpft habe, ich möchte von euch geboren und euch ähnlich sein. Aber die Stimme der Blutsverwandtschaft klingt stärker als meine Sehnsucht." Jean Richard Bloch ist in Frankreich geboren und auf erzogen. Er hat seine Schulen besucht, seine Traditionen in sich aufgenommen, Frankreichs Gei33