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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 130

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Pharisäertum
Date
1925-01-01
Page
130 (sequence 8)
Language
German
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Marlin Buber und Ehrfurcht sehe,, sei (nicht etwa seine Auffassung des jüdischen Charakters erschüttert, sondern) dieser Mensch für ihn entjudet. Aber meint er auch beim Deutschtum beide? Wo und wann in der Geschichte hätte sich das deutsche Volkstum nicht gegen den Volkstod gesträubt? Oder irgend eines, ehe seine Stunde geschlagen hatte? Und wer vermäße sich, die des Judentums von der Weltuhr ablesen zu wollen? Sollen aber jene äußersten heldischen Momente gemeint sein, in denen Scharen eines andern Volks „lieber tot als Sklaven'' sein mochten, wohl, so haben wir unser Masada und unser ßetar gehabt, da wir an tödlicher Entschlossenheit „waren wie alle Völker" und mehr als die meisten und den Scharentod zu sterben wußten, als wollten wir aller Zeit unvergeßlich machen, daß wir nur deshalb ..keine Ehre haben", weil uns keine zu haben geziemt. Wie verhält es sich denn nun mit dem jüdischen „Wehren gegen den Unter- und Übergang"? Gewiß, alle Verheißungen sagen: Leben. So entsprechen sie den naturgerechten Grundfesten des Judentums. Aber ist das wirklich das Leben des Einzelnen, oder nicht vielmehr immer wieder das des „Samens"? Auch wo dem Einzelnen ein langes Leben verheißen wird, erweist sich der Sinn als auf den Zusammenhang der Geschlechter gerichtet Der Zusammenhang der Geschlechter aber ist nirgends ein Selbstzweck; er dient einem fernen Ziel, das durch die Verheißung hindurch immer wieder uns entgegenleuchtet. Wohl, der einzelne Jude hält sich unbändig am Leben. Aber nur bis an den Augenblick, wo er von Gott angerufen wird: da gibt er sich noch unbändiger her. Nein, lieber Herr Michel, da bedarf ,es gar keines „Zugriffs Gottes", sondern sowie ihn der Anruf nur berührt, schon ist er, Abraham, zu dem Opfer bereit, das, Sie wissen es. größer als das des eignen Lebens ist. Blutzeugen, lieber Herr Michel, sind dieser Jude Jesus mit den Seinen, Blutzeugen aber auch gar viele von diesen Pharisäern. Haben Sie vergessen, was geschah, als einer dieser Vielen, weil er dem Verbot der Römer zum Trotz die Thora öffentlich gelehrt hatte, in eine Thorarolle gehüllt auf dem Scheiterhaufen stand? Die Flamme hatte, durch die zerfallende dringend, ihn erfaßt; „Das Pergament verbrennt", schrie er, „die Lettern fliegen empor"; da sprang der römische Scharfrichter, den Zugriff des Menschen schauend, zu ihm ins Feuer. Todeslust, aber erst um Gottes Willen, erst aus Gottes Willen, und bis an ihn heran Lebenslust, aber eben eine, in der die Bereitschaft zu jener ruht, — ich nenne das Frömmigkeit. i3o

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