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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 92

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Offener Brief an Henry Bernstein
Date
1925-01-01
Page
92 (sequence 2)
Language
German
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Bernard Shaw habe bis ins Mark; jene sind Okzidentalen vom Scheitel bis zur Sohle! Verglichen mit Ihnen, mein lieber Bernstein, sind wir Emporkömmlinge, beinahe Wilde; ihr habt uns unsere Religion gegeben und unsere Gesetze, wie ihr uns auch jetzt noch unseren Journalismus und unser Theater, unsere Finanzen und unsere literarische Tradition gebt. Ihr habt uns unsere Erlöser und unsere Revolutionäre gegeben, Jesus, Marx, und schließlich Trotzki, der der weitaus größte literarische Kritiker Europas ist. Ihm ist gelungen, was Napoleon mißlang, denn er ist Mann der Feder und Mann der Tat zugleich. Wenn Sie Realist wären, würden Sie uns verachten. Da Sie Idealist und Jude sind, bewundern Sie uns und beten uns an; denn es ist immer die hochherzige Schwäche der Juden gewesen, ihren Idealismus bis zum absoluten Götzendienst zu treiben. Selbst wenn der Kopf eines Franzosen offenkundig ein Schafskopf ist, seht ihr in ihm ein Goldenes Kalb und neigt euch vor ihm. Für euch bleibt er immer der Franzose, und der Franzose ist immer der Pariser, ein heroisches Wesen, dessen Name weder Pierre noch Jacques, weder Duval noch Durand noch Dupont lautet, sondern Raoul oder Henri von Larochejaquelin, der glänzend ist, stolz, gefühlvoll, und einer Frau sterblich ergeben, die ihn verrät, oder der Frau irgendeines andern, die sich weigert, ihren Gatten zu verraten; immer ein Idealist in einer Situation von edler Tragik, und folglich immer am Schluß des vorletzten Aktes. Es empört Sie, einen gewöhnlichen Menschen, wie ich es bin, zu diesem großartigen Triumph von Gottes Schöpfung sagen zu hören: ,,Wie seid ihr kleinstädtisch!" Ihre ritterliche Empörung hindert Sie, zu bemerken, daß dieses bewundernswürdige Geschöpf in keiner Weise Ihre Erregung teilt. Sic stürzen herbei, um es zu verteidigen, Sie, der Jude, der Mann der Phantasie, der Mann mit den Traditionen eines auscrwählten Volkes, die so tief in Ihnen verankert sind, daß Sie einen Franzosen nicht verstehen können und eine Herabsetzung der Hauptstadt seines Landes für eine unerträgliche Beschimpfung halten. Und gerade darin — verzeihen Sie mir, daß ich es sage — haben Sie vollkommen und rettungslos unrecht. Sie verstehen nicht Duval und Sie verstehen nicht Shaw. Möge Gott Sie davor bewahren, wie er dies ja tatsächlich tutr jemals diese blödsinnigen Amalekiter zu verstehen, die er euch gab. um sie zu schinden und zu unterjochen und nicht, um sie zu verteidigen. Geben Sie acht, was geschieht. Sie schlagen mit aller Kraft auf Shaw los, weil er den idealen Franzosen beleidigt hat, und anstatt als Retter Frankreichs begrüßt zu werden, finden Sie sich plötz- 92

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