Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 58 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Michel sehen den Weg nicht, den wir weitergezogen sind; das Ferne hat für sie kein Ziel und keinen Sinn. Wir aber können den Weg nicht leugnen, da wir ihn ja gehen, und das neue Ziel können wir nicht leugnen, da wir es sehen.» Daher heißt es dort: Wozu das Wandern in blaue Ferne? Hier ist das, Ziell Und hier: Warum das Bleiben im gekündigten und gefährdeten Haus? Hier ist der Weg ins Freiel Das ist die Fremdheit zwischen Deutschen und Juden. Zwei verschiedene Welttendenzen und zwei verschiedene menschheitliche Lebensstufen treten voreinander hin. Sie können sich gegenseitig nicht anerkennen, weil sie einander; widerlegen. Sie; widerlegen sich wie Todesbereitschaft und Lebensanklammerung, Freiheit und Knechtschaft, Glaube und Erkenntnis, Wanderschaft und Seßhaftigkeit, Selbstvergessen und ständige, furchtbare Besessenheit vom Bewußtsein. Endlos wäre noch darüber zu sprechen. Aber ein höheres Interesse verlangt zum Schlüsse das Wort. Diese Unmöglichkeit gegenseitiger Anerkennung hat mit dem bürgerlichen Zusammenleben im Staat nicht d^. Mindeste zu tun. Die Nationen sind übervoll von Widersprüchen ähnlicher Art. Auf die Spitze getrieben, müßten sie jeden Staat, jede Stadt, jedes Haus zersprengen. Die Geister, die in uns leben, sind vielfältig entzweit. Ginge man allen Dämonen auf den Grund, so wäre jede menschliche Gemeinschaft bedroht. Über menschliches Zusammenleben entscheiden Gesetze und sittliche Tugenden. Was sich im tieferen Lebensgrund unversöhnlich bestreitet, findet sich unter sittlichen, bürgerlichen, praktischen Gesichtspunkten tausendfach vereinigt. Hier fallen ganz unzweideutige Entscheidungen; ihnen das Ohr verschließen, heißt Befangensein in elender, menschenunwürdiger Gespensterei. Und so wiederhole ich: Es gibt keine Judenfrage. Es gibt eine Frage des Judenhasses. Seine Gesinnung ist nicht einmal menschlich, geschweige denn deutsch. Sie ist sogar aktiv widerdeutsch, weil sie eben von jenem Hinströmenden, Liebenden und Opfernden, das den Kern der deutschen Tendenz ausmacht, nichts wissen will. Die Forderung des Alliebens, die im höchsten Ernst an den Deutschen ergeht, verlangt nicht, daß wir eine erkannte Fremdheit verleugnen, sondern ihr gegenüber erst recht in der Unschuld der uns eigenen Lebensregung verharren. Das Trennende ist das Selbstverständliche. Aber das eigentlich menschliche Verhalten beginnt da, wo die einfache sittliche Forderung über das Trennende den Sieg erkämpft. 58