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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 53

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Deutsche und Juden
Date
1925-01-01
Page
53 (sequence 2)
Language
German
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Deutsche und Juden rat, von Deutschen an ihrem eigenen Volk begangen. Ich erkenne praktisch keine Judenfrage an. Es gibt eine Frage des Judenhasses, aber diese gehört für mich in eine Reihe mit jenen Fragen, die sich' in so großer Zahl an sogenannte Kulturschäden zu knüpfen pflegen. Ich halte an dieser Betrachtungsweise fest, obschon ich hier das Wort nehmen will, umi einem ungeheuren, sehr tief liegenden Fremdgefühl des deutschen vor dem jüdischen Geist Ausdruck zu geben. Es ist ein Fremdgefühl, das mit der antisemitischen Abwehr gegen die Juden (und insbesondere mit Geist und Methode dieser Abwehr) nicht das Geringste gemein hat. Ja es wird sich, wie ich glaube, zeigen, daß die Grenzlinie, die hier zwischen deutschem und jüdischem Geist gezogen wird, den Judenhaß eher auf die jüdische als auf die deutsche Seite verweist; freilich nur als Karrikatur einer Welttendenz oder einer Seinsstufe, die im Judentum zu großer majestätischer Auswirkung kommt. Das Leben überhaupt beruht —» wenn ich hier eine stark vereinfachte, schematische Betrachtungsweise zugrunde legen darf — auf dem großen Dialog der festmachenden und der ausfließlichen Kräfte. Ist dies wahr; ist es wahr, daß die Welt und jedes Geschöpf aus tausend wunderbaren Begegnungen zwischen Hinströmen und Verfestigung lebt, so überantwortet sich ein Leben keiner dieser beiden Tendenzen ohne „Sünde" und „Strafe*6. Der deutsche Geist hat in jenem unzugänglichen Bereich, wo sich die Seelen der Menschen und der Völker für ihr geschichtliches Leben vor entscheiden, Partei genommen für die Tendenz des Hinströmens, der Hingabe, der strahlenden Verschwendung, des selbstvergessenen Allumfassens. Er hat sich in einer sehr entschiedenen, ja stürmischen und ausschweifenden Weise für das ewige Werden, für die Verwandlungsfreude, für, unendliche Erneuerungslust, für grenzenloses Fortschreiten, für unbedingtes Lieben und Opfern entschlossen. So grell auch zahlreiche deutsche Verlautbarungen dieser Tendenz zu widersprechen scheinen: sie ist die Grundkraft, sie das Geheimnis des deutschen Wesens1). Kein Abfall kann sie widerlegen. Im Gegenteil: die oft schauerliche Kraßheit deutscher Felonie hängt mit der besonderen Höhe der deutschen Grundforderung so eng zusammen wie die Tiefe des Tals mit der Höhe des umschließenden Gebirges. Fehlt also das Deutschtum durch eine Ausschweifung nach der Seite des Hinströmens, so trägt es die Strafe dafür, indem es, nach Hölderlins Wort, als „ungestalte Rebe schwankend den Boden und wild umirret". Und mit diesem Wort will ich auf einmal alles Gev) Vgl. meine Schrift „Hölderlin und der deutsche Geist", Roetherverlag-, Darmstadl. 53

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