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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 9

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Bemerkungen zum Antisemitismus
Date
1925-01-01
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Bemerkungen zum Antisemitismus unterliegen alle dem durch unser empirisches Ich bedingten Gesetz der Abweichung. Wie die Wahrnehmung den objektiven Sachverhalt der Außenwelt schon fälscht; ihre willkürliche Reproduktion, die Vorstellung, von ihr wieder abweicht; wie diese durch den Begriff nicht restlos wiedergegeben werden kann; wie der ruhende, angeschaute Gedanke mit seiner Fülle nicht ganz in dem ziel- und zweckbestimmten Gedanken unterzubringen ist, wie Kostbarstes verloren geht, wenn dieser dann in die Zwangsjacke der Sprache gesteckt wird; wie die Summe all dieser vielfältigen Abweichungen, das bewußte, das Erfahrungsich, abweicht von dem akausalen Ich, dem Wesen, das wir in Wahrheit sind. So ist es unmöglich, den Antisemitismus durch Diskussion, und würde sich diese auf einem noch so hohen Boden bewegen, aus der Welt zu schaffen. Die erste Voraussetzung wäre, eine in sich selbst ruhende Definition etwa der Wesenheit des deutschen und des jüdischen Volkes zu geben, um ihr wesensnotwendiges Verhältnis zu einander klar darzustellen. Niemand ist das zu leisten imstande. Man muß Relativitäten zu Hilfe nehmen und ist damit mitten in aussichtslosen Verwickelungen, Alle Gedanken sind Mechanisierungen der Welt außer und der Welt in uns. Jedes System ist an seiner Peripherie antinomisch. Das Organische ist ein steter Strom von Phänomenalitäten, die man wohl annähernd konstatieren, aber nicht restlos begrifflich ablaufen und gedanklichlogisch erfassen kann. Wie also will man dem vielfältigen Organismus „Volkheit" gedanklich gerecht werden? Noch die Bestimmung auf Grund ihres historischen Schicksalsweges erfaßt nicht ihren ganzen Wesenskomplex, auch dann nicht einmal, wenn der Betrachter im Besitze eines göttlichen Verstandes wäre. Und wo ist der zu finden? Viel eher glaubt man an das Wahnbild, das die Selbstverliebtheit zeichnet, und hat sich genug getan im Urteil durch die Verurteilung der anderen. An dieser Selbstüberschätzung leiden alle Völker, alle „Rassen", alle Religionen. Deswegen wird ihre Feindschaft bleiben, solange es Menschen auf der Erde geben wird. Nur der wahrhaft Weise, der der wahrhaft Gütige ist, steht über diesem qualvollen Krankheitszirkel. Er bekämpft die UnVollkommenheiten der anderen durch erbittertes Ringen gegen seine eigenen Fehler, wendet Gewalt gegen sich, doch keinen anderen Menschen an und weiß, daß viel mehr Grund ist, den andern zu lieben, denn ihn zu hassen, zu erniedrigen und zu verfolgen. In dem Maße, wie ein Volk diese wahren Menschen pflegt, ehrt und ihnen nachfolgt, wird die Feindseligkeit der Völker, „Rassen" und Religionen und auch noch der — Antisemitismus verschwinden, weil seine Ursachen verschwinden. 9

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