Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Franz Rosenzweig: Jehuda Halevi deutsch [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 752 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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752 Umschau: Literaturgeschichte „Der Sturm* % den er allerdings auch nur als Exkurs gibt. Hier ist von der Auswahl der Gedichte zu reden. Allein bereits eine Tat! Gut, daß wir von den zahllosen Freundschafts-, Liebes- Hochzeits- und Trauergedichten verschont geblieben sind. Zwar sind sie für die Kenntnis des Dichters als historische Erscheinung unerläßlich; zeigen sie doch mehr als alles andere seine Gebundenheit an seine Generation. Übrigens sind sehr feine Sachen darunter. Aber sie interessieren nicht, wenn man den Kern will. Wir sind berechtigt, uns auszusuchen, was wir brauchen. Wie viel Genera von Goethes Dichtungen sind dem heutigen Leser unbekannt! Es ist ein Glück, daß die Auswahl durch Rosenzweigs „Gefühl" getroffen worden ist, dessen hauptsächliches Interesse auf das Gebiet gerichtet ist, das für den Dichter selbst das Wesentliche, sozusagen einzig Legitime war: die Liturgie. Es gereicht dem Übersetzer zur hohen Ehre, daß seine Auswahl ein Großteil jener Stücke getroffen hat, die kaum ioo Jahre nach des Dichters Tod der klassische Dezisor des aschkenasischen Ritus, der Sammler des Machsor Vitry, für den Gebrauch der französisch-deutschen Gemeinden ausersehen hat. Jene 60 Gedichte sind durchaus hinreichend, ein volles Bild des Dichters, aber auch eine wirkliche Bereicherung zu geben. Jene seltsame, unter dem Namen ,,Zion" vereinigte Gattung von Dichtungen ist in der Tat eine fast originelle, sie steht zwischen Liturgie und Reisemakame; in ihr offenbart sich aber wohl am meisten die Eigenart des Dichters. In der Übersetzung wurde der einzig mögliche Weg, der Rückerts (den dieser allerdings selbst nicht immer eingehalten hat), gewählt. Vor allem galt es, um eine Wiedergabe des dem lebendigen hebräischen Wort anhaftenden schwebenden Akzents zu ringen. Hier, wo ich Gelegenheit habe, im Arabischen eine unverfälschte semitische Sprache zu hören, wurde mir erst klar, wie falsch die schönen Regeln über den Akzent sind; es gibt eben genau genommen gar keinen Akzent im europäischen Sinn. Diese Schwierigkeit zu überbrücken, ist nun eigentlich unmöglich. Es gibt aber gerade hier einen Ersatz. Das Versmaß — Mischkai — gibt natürlich gewissen Silben eine besondere Schwere; dies können wir im Deutschen nachahmen, wenngleich wir sofort wieder eine„Betonung'* daraus machen. Der Übersetzer hat von diesem Ausweg in weitestem Maße Gebrauch gemacht — und mit Glück. Über die Schranken dieser Möglichkeit war sich keiner mehr bewußt als er. Auch wollen wir es ihm nicht nachrechnen, wo auch er ungenau und ,,Nachdichter" wird; hat er ja ausdrücklich diese Fälle im Voraus vermerkt. Jede Abweichung vom Text der Brodyschen Ausgabe hätte angezeigt werden müssen, auch da, wo der Verfasser den Text einer anderen Ausgabe für sich hat; denn jene müssen wir doch wohl als Standardausgabe achten. Aber das ist wirklich nur eine Kleinigkeit. Ich möchte noch zum Schluß auf die , »Anmerkungen" aufmerksam machen. Sie sind für den mit Jehuda Halevi Vertrauten nicht weniger nützlich als für den Anfänger. Sie enthalten trotz ihrer Kürze manchmal ganze theologische Traktate. Ich wähle das Wort mit Absicht. Ist es nicht edelste, gereimte Theologie, die uns Rosenzweig hier verdeutscht hat? Fritz Goitein, Haifa Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon, Frankfurt a.M. Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza