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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 688

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Das russische Judentum
Date
1924-01-01
Page
688 (sequence 2)
Language
German
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688 Umschau: Presseschau homogene Schicht: neben intellektuellen Schreibtischmenschen wie Sinowjew oder K a m e n e w steht eine so vom Willen dirigierte Potenz wie T r o t z k i. Man wird also niemals generell sagen dürfen, daß das Judentum den Bolschewismus da oder dorthin dirigiert oder ihm genützt oder geschadet habe. So einfach liegen die Dinge nicht. Vor allem ist zu betonen, daß viel mehr Juden als innerhalb der Regierung oder innerhalb der kommunistischen Partei (wo sie jetzt zusammen mit der übrigen Intelligenz radikal gesäubert werden) außerhalb des Kommunismus stehen. Und hier wird die schon angeführte Zerrissenheit des einzelnen Juden zu einer Zerrissenheit des russischen Judentums überhaupt. Ein Teil, und zwar sicher der größere, lehnt doch den Kommunismus entschieden ab, ein anderer Teil beginnt sich mit ihm abzufinden. Auf beide Teile aber strömt die antireligiöse Haltung der jetzt führenden Schichten und ihre Gleichgültigkeit der Nationalität gegenüber in dem Sinne ein, daß das Judentum als Nation wie als Religion spürbar zersetzt wird. Der moderne Jude verfällt ja überhaupt leicht in Religionslosigkeit. Dieser moderne Typus war bisher in Rußland verhältnismäßig selten, weil unter dem Zarismus die Juden massiert in den Ansiedlungsgebieten hockten, ineinander gekapselt und deshalb natürlich tief in ihre alten Bindungen verstrickt. Heute kann der Jude wohnen, wo er will. Aber schon im Krieg ist praktisch der Ansiedlungsrayon durch die deutsche und österreichische Okkupation gesprengt worden. In Rußland erst merkt man, daß die polnischen, litauischen, wolhynischen und podolischen Juden, die sich nach dem Westen gewendet haben, nur ein verhältnismäßig kleiner Teil sind; ein viel größerer Teil von denen, die abwanderten, hat sich nach dem Osten, nicht in letzter Linie nach Moskau, ergossen. Sie stehen der jüdischen Religion sowohl wie der jüdischen Nation meist ziemlich entfernt gegenüber. Dies nicht nur negativ, weil sie entwurzelt sind, sondern auch positiv, Weil sie im Vergleich zu den großen Mächten der russischen Revolution und den ungeheuren Möglichkeiten der russischen Entwicklung, im Vergleich auch zu der Weite des russischen Landes, die sie jetzt erst begreifen, ihre eigene Religion und Nation als klein empfinden. So hat der Zionismus, der das winzige und dazu noch entfernt gelegene Palästina mit seinen geringen Möglichkeiten dem Judentum anweisen will, in Zentralrußland nur sehr wenig Anhänger. Während sich die übrigen Nationalitäten Rußlands unter der Sowjetherrschaft mehr akzentuieren, froh, der zaristischen Bedrückung entronnen zu sein, scheint bei den russischen Juden der umgekehrte Vorgang einzutreten. Gerade, weil der Zarismus sie noch stärker bedrückte als die anderen, beginnen sie sich heute dem Russentum zu assimilieren. Früher schmiß man sie in Ansiedlungsrayons gewaltsam auf einen Haufen und schweißte sie damit künstlich zusammen; jetzt, wo sie die Möglichkeit haben, sich beliebig auszubreiten, lösen sie diese künstliche Geschlossenheit. Die russische Assimilationsperiode setzt ein, hundert Jahre nach dem Westen, wie ja überhaupt Rußland hundert Jahre hinter dem Westen zurück ist. Eine „lebende Synagoge" hat sich gebildet als Gegenstück zur ,,lebenden Kirche", aber innerlich sehr viel solider als diese und auch längst nicht so patronisiert durch die Regierung. Das nationale Bewußtsein der Westjuden und natürlich auch ihr Zionismus sind die Reaktion gegen die oberflächlichen Assimilationserscheinungen von Mitte und Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrer Nichtachtung aller jüdischen Tradition; das Nationalgefühl der Ostjuden dagegen ist präassimilatorisch ein — gewaltiger Unterschied, der vom Zionismus immer verkannt wird. Es wird nun entscheidend für die künftige Stellung des Judentums in Rußland sein, ob diese Assimilation bis zu den mystischen Grundlagen der russischen Seele vorstoßen wird. Reicht sie nicht so weit, so wird das Judentum eines Tages, wenn die neue religiöse Bewegung beginnt, wieder isoliert sein. Adolf Grabowsky Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon, Heidelberg Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julias Beltz in Langensalza

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