Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Aktenstücke zu den Legalisierungsversuchen der Zionistischen Organisation in Rußland
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 665 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109827--7476-3109884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Aktenstücke zu den Legalisierungsversuchen der Zion. Organisation in Rußland 665 wirtschaftlichen Bestrebens durchgerungen hat, so liegt der Grund hierfür in der Erkenntnis der Judenlage, wie sie deri Augen jedes vorurteilslosen Beobachtens erscheint. Seit dem Verluste seines nationalen Zentrums war das über die ganze Welt zerstreute jüdische Volk im Laufe von zwei Jahrtausenden, wie kein anderes, den grausamsten Verfolgungen unterworfen. Erst in der Neuzeit wurde in verschiedenen Ländern eine Emanzipation der Juden teils durchgeführt, teils nur angebahnt. Aber die Erfahrung zeigte, daß die Emanizipation die Judenfrage im großen und ganzen nicht zu lösen vermochte. Nur geringe Teile des jüdischen Volkes wurden emanzipiert, und nur in wenigen Ländern ist die Emanzipation vollständig. Wo letzteres der Fall ist, entsteht wiederum eine Judenfrage, die hauptsächlich durch den Zuzug jüdischer Massen aus den Ländern der Verfolgung verschärft wird. Der alte Haß erscheint auch aufs neue in der modernen Gestalt einer sogenannten antisemitischen Bewegung". Und die Chronik der letzten Jahre verzeichnet Judenmassakers, Plünderungen u. dgl. nicht weniger als irgendeine Zeitperiode des Mittelalters. Im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts fanden in Tausenden von Städten, unter den verschiedensten Vorwänden, antijüdische Exzesse statt. Im Laufe derselben Zeitperiode schleppten 1,5 Millionen jüdischer Auswanderer ihr Elend und ihren Groll über alle Länder der Welt. Diese stürzende Lawine begräbt unter ihrer Masse die jüdische Wohltätigkeit. Die liberalen Einwanderungsländer beginnen zu sperren. Die Juden selbst suchen den Einwanderungsstrom von den großen Bevölkerungszentren nach entfernteren Gegenden abzulenken, aber dies gelingt nicht, denn ein Instinkt nationaler Gemeinschaft drängt die Massen zusammen. Man weiß auch nicht, wohin man sie ablenken soll. Diese Krisen und Konflikte erzeugen ungesunde Gärungen, Erbitterungen und Gram, die oftmals sogar zu internationalen Verlegenheiten führen. Die Erkenntnis dieser Sachlage mußte in den Herzen der friedlichen und einsichtigen Juden, die um das Fortbestehen ihres Volkstums besorgt sind, den alten zionistischen Gedanken mit neuer Kraft wachrufen. Die Vorboten dieser Bewegung traten schon am Anfange der Achtziger jähre des vorigen Jahrhunderts unter dem Namen „Chowewe-Zion" (Zionsfreunde) in Erscheinung. Es entstanden Vereine in verschiedenen Ländern — in Rußland wurde der Hauptverein ,,Zur Förderung des jüdischen Ackerbaues in Palästina" in Odessa mit Genehmigung der russischen Regierung begründet. Jüdische Jünglinge gingen als Pioniere nach Palästina, um sich dem Ackerbau in den neubegründeten Kolonien zu widmen. Dank der großen Unterstützungen seitens einer Reihe jüdischer Philantropen der ganzen Welt bildete sich eine Anzahl jüdischer Kolonien in Palästina, wo jetzt 8000 jüdische Seelen sich dem Ackerbau widmen, und die einer gedeihlichen Entwicklung entgegengehen. Jedoch ohne solide rechtliche Grundlage und ohne Rückhalt an volkstümlicher Selbsthilfe, auf Philantropie angewiesen, konnte diese Form von Kolonisation zu keinem größeren Aufschwung gelangen. Die eigentliche zionistische Bewegung in ihrer jetzigen Gestalt wurde von meinem Vorgänger, dem verewigten Dr. Theodor Herzl, geschaffen. Seine Broschüre: ,,Der Judenstaat" (erschienen 1895 i» Wien, M. Breitensteins Verlagsbuchhandlung) war der erste an die jüdische Gesamtheit gerichtete Weckruf, der sie aufforderte, sich mit vereinten Kräften zu einer Selbsthilfe aufzuraffen. Mit unwiderstehlicher Kraft drang dieser Ruf in die verschiedenartigsten Parteien und Kreise der zerstreuten Judenheit, und schon im Jahre 1897 trat in Basel der erste Zionistenkongreß zusammen. Juden aus den verschiedensten und entlegensten Ländern der Welt, von der tiefsten bis zur höchsten Kulturstufe, Fromme und Freisinnige, Vermögende und Proletarier, versammelten sich zum ersten Male, um im vollen Licht der Öffentlichkeit, unter Beteiligung vieler, verständnisvoll dieser Frage gegenüberstehender Nichtjuden, ohne separatistische Geheimniskrämerei, das drückende jüdische Problem in Harmonie und Eintracht mit den^Völkern zu lösen. So entstand ,,Das Baseler Programm", das aus folgenden Punkten besteht: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Kongreß folgende Mittel in Aussicht: 1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden. 2. Die Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach den Landesgesetzen.