Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Theodor Herzls Sohn
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 601 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Französische Juden 601 schon faschistisch sein kann oder programmatisch antireligiös. Herzls Sohn hat sich taufen lassen. Macht nichts. Kein konsequenter jüdischer Nationalist dürfte ihm um dieser Kleinigkeit willen die Aufnahme in die Organisation verweigern, wenn er morgen darum ansucht, denn: Religion ist ja Privatsache. Höchstens kann ihn ein alter Friedhofswärter, der ihn trotz seiner Verkleidung erkennt, vom Friedhof weisen, wenn es ihm einfallen sollte, am Grabe des Vaters ein Kaddisch zu sagen. Aber er wird wohl kaum Zionist werden, und das Kaddisch hat er sicher nicht gelernt. Zu oberflächlich war das Judentum im Kinde einer Zeit, dem Europa das Judentum auf ein paar Religionsstunden im Nebenfach reduzierte. Mit irrem Blick sieht der haltlos, entwurzelt in fremden Räumen Schwebende um sich: kein Führer der Irrenden wird ihm, religionsloser Nationalismus blitzt irgendwo auf (der Zeitströmung gemäß) — vergebliches Bemühen, den Haltlosen zu halten: schon grinst die Assimilation an Europas Ideen hinter diesem Nationalismus hervor. Und wenn schon Assimilation, dann vollkommene! Auf tut sich das Tor der Kirche, ungeahnte Möglichkeiten erschließen sich dem auf seine Vergangenheit Verzichtenden, und Theodor Herzls Sohn hat aufgehört, Jude zu sein im Sinne des Judentums. Wer soll Schiwe sitzen am Taufbecken Hans Herzls? Mag auch vielleicht die Tat dieses recht kleinen Sohnes eines großen Vaters hysterische Demonstration gegen den übermächtigen Schatten seines Vaters gewesen sein. Mag sie auch vielleicht Herostratestat eines Menschen gewesen sein, der zu schwach war, ein ganzes Leben die Verpflichtung zu tragen, Sohn seines Vaters zu sein, ohne in den eigenen Augen ein Geringer zu werden, — sie hebt unsere Schuld nicht auf, die wir nicht verstehen, zurückzukehren zu den Quellen (und dennoch an unsere nationale Sendung zu glauben), weil wir uns der Rückkehr schämen, weil wir zu feig sind, zu sagen: es gibt keinen jüdischen Nationalismus ohne jüdische Religion, kein Judentum ohne Synagoge. Und keinen Hans Herzl ohne seine Zeit, die Tausende seinesgleichen schafft: Juden, denen das Judentum nichts weiter ist, als eine von den Denkkategorien Europas. Eugen Hoeflich Französische Juden. Die jüdische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts sieht eine Wanderung des Volkes von Osten nach Westen, eine Rückwanderung im entgegengesetzten Sinne, als sie die vorhergehenden Jahrhunderte gekannt hatten. Dieser örtlich sozialen Verschiebung entsprach auch eine gleich gerichtete geistige Neuorientierung. Mit dem Fall des Ghettos stürzte für den Juden auch die sein Leben bis dahin beherrschende Form zusammen; diese Form war vor allem ethisch und logisch, weniger ästhetisch gewesen. Die freie spielerische Phantasie und Leidenschaft des Künstlers fand in ihr nicht volle Befriedigung. Die vier Jahrhunderte des Ghettos waren, mit Ausnahme Italiens, wo andere Bedingungen herrschten, arm nicht nur an bildenden Künstlern, sondern auch an Dichtern. Der Eintritt in die europäische Kultur zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bedeutete nicht nur das Suchen nach einer neuen Form, sondern vor allem auch nach einer ästhetischen Form. In Europa, insbesondere unter den romanischen Völkern, lebte die bildende und formgebende Kraft des Hellenismus weiter. Der jüdische Dichter war Lyriker gewesen, Meister der formlosesten, subjektivsten Kunst, die der Nacktheit der schöpferischen Leidenschaft noch am nächsten steht. Die Verräumlichung seiner Kunst in der Dreidimensionalität des Dramas, in der Ewigkeit des Steins war ihm nicht gegeben. Künstler sein heißt bilden, heißt Form finden in der Schau; ist mehr griechisch als jüdisch. Schöpferische Leidenschaft bricht aus dem Juden, Maß der Form zwingt ihr der Grieche