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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 600

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
De Haan als Dichter [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
600 (sequence 3)
Language
German
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6oo Bemerkungen: Theodor Herzls Sohn die aus diesen Gedichten spricht und die doch ■wohl auch hinter jenen Taten stand. Über sie schwieg unsere Presse. Und die Revolverkugel, die einem müden Leben ein Ende setzte, war eine zu einfache Lösung eines allzu komplizierten Problems. Jerusalem. Hugo Bergmann Theodor Herzls Sohn wurde in den Schoß der ihn selig machenden Kirche aufgenommen. Ein Fall, wie er täglich vorkommt, ein Fall der unwesentlich wäre, wenn nicht Theodor Herzl zufällig Gründer jener Bewegung gewesen wäre, die, in ihrer Konzeption zumindest, klare und eindeutige Absage ist an jenen Geist der Anbiederung an die mächtigere Gruppe, der seit Beginn der Assimilationsperiode das Judentum zersetzt. Ein Sohn, der Blut und Namen seines Vaters trägt, geht hin und zeugt wider seinen Vater an seinem Todestag. Judentum und Zionismus gingen mit einem Achselzucken und zwei Zeitungsnotizen über den Fall hinweg zur Ordnung ihres Tages, den keine Sensation mehr revolutionieren kann und kein noch so symptomatisches Ereignis. Aber wenn auch Tausende täglich fliehen, diese eine Flucht ist exzeptionell genug, um mehr als das eine Wort zu verlieren, das sie kennzeichnet; und nicht vergessen werden darf dieser Fall, denn er steht als erschütterndes Menetekel vor einem Judentum, das nicht einmal die Kraft des Verfluchens mehr hat. Hans Herzls Flucht ist wohl die Flucht irgendeines Abtrünnigen, aber nur solange ein Hans Herzl ein judenfernesPrivatleben irgendwo in London oder in Wien verlebt; in dem Augenblicke aber, da es bekannt ist, daß dieser Abtrünnige Theodor Herzls Sohn ist, dann wird der Fall zum symptomatischen Ereignis. Dann legt er eine Wunde bloß. Keine Privatwunde am Körper, in der Seele irgendeines Privatmannes, der zufällig im Lichte historischer Entität Bar-mizwah wurde — nein: dieses Hans Herzls Schuld, diese verwerfliche Schuld, diese unverzeihliche Schuld, qb der Zerstreuung und Schwert in die Welt kommt, ist die große, verzweifelt schwere Wunde am Körper des Judentums dieser Tage. Theodor Herzl hatte die Konsequenzen aus der Schuld der antisemitischen Wirtsvölker gezogen, sein Sohn zog die Konsequenz aus der Schuld seines an Europa assimilierten Volkes. Zwanzig Jahre jüdischen Nationalismus— sagen wirs gleich: zwanzig Jahre eines europäischen Nationalismus — und der letzte Herzl liquidiert sein Judentum. Darüber müßte man nachdenken. Gibt es einen Ehrlichen, gibt es einen Fanatiker, der endlich aufschreit: Europa, Europas Idee trägt die Schuld an dieser und an tausend gleichartigen Liquidationen! Europa, das dem Judentum einen Nationalismus bot als Surrogat für eine verloren gegangene Religiosität und für eine verschwindende Religion, die in den Hirnen der Staniolpapiersammler zur Privatsache ward, in dem Augenblick, da das Judentum politische Partei nach vorhandenen Mustern wurde, Kolonisationsverein ohne den Hauch religiösen Antriebes. Europa trägt die Schuld an Hans Herzls Flucht, jenes Europa, das uns einen Zijonstern ins Knopfloch steckte, damit wir an unsere Einzigartigkeit, die einst keines äußeren Abzeichens bedurfte, vergessen mögen, das uns glauben ließ, daß wir ein Volk wie alle Völker seien, ein Volk mit Nationalismus, der frei von jeder religiösen Komponente ist. Kein Fanatiker steht auf, keiner ruft es, keiner zieht die Konsequenzen, und vor den Toren eines europäisierten Palästina wird ein entorientalisiertes Judentum zur Kapitulation gezwungen: gezwungen, zu erklären, daß das ,,moderne Judentum" mit einem ins Geistige übertragenen Schweinefleischgenuß durchaus vereinbar, ja sogar sehr gut vereinbar ist, denn: wir sind ein Volk wie andere Völker, und unser Nationalismus ist ein Nationalismus wie jeder andere, der morgen

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