Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Religiöse Symbolik [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 560 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau: Religionsphilosophie dem Orientalen zum Gleichnis, zum Symbol. So entsteht eine begrifflich-unanschauliche Roman tik : „Ihr werdet schwanger gehen mit dürren Halmen, gebären Stroh, euer Geist— wie Feuer wird er euch verzehren." (Jes. 33, Ii.) Das äußerlich Gegebene verblaßt hinter einem „innerlich Gehörten". Deutlich tritt dies als intuitive Kraft in der prophetischen Vision zutage; die Visionen werden nicht vernünftig geordnet, sondern erscheinen schrankenlos, weil die Offenbarung eine ebensolche Genese hat. So stammelt der Prophet das Erschaute ganz unbefangen wie ein Kind, das durch eine Luke in die weite helle Welt sieht und dem in der Finsternis Schmachtenden unbefangen, wahllos das Geschehene mitteilt. Dieser bloße Akt der Darstellung bedeutet einen ungeheuren Verzicht, da ohne gewaltige Abstraktionen, also Einschränkungen, keine Darstellung zustande kommt. So verzichtet der große Prophet und Mystiker meistens darauf, seine Visionen zu fixieren, und Meir Wiener schließt daraus sehr mit Recht: „Das Judentum weist in all seiner ungeheuren Mannigfaltigkeit und großen Schöpferkraft einen auffallend unphilosophischen Zug auf. Sogar die Religionsphilosophie bleibt dem eigentlichen Judentum, trotz ihrer glänzenden Vertreter, fremd." Psychologisch fein sind besonders die Bemerkungen, die Wiener an die Sinn-, setzung des Gebetes, des Rituals überhaupt, knüpft. Wir können uns zwar nicht der Behauptung anschließen, daß der Ursprung der Sprache sich auf einen Gebetstrieb stütze und nichts anderes als das Gebet im weitesten Sinne zum Ziele habe; diese Symbolisierung geht zu weit. Aber richtig ist es, wenn Wiener auf die Raumweite des Gebetes hinweist: das rohe Bittgebet ist bloß ein Ausdruck des intensiven Wunsches, nicht nach Gott, sondern nach Teilexistenzen in ihrer Ungöttlichkeit; das Ausschütten der Seele ist dann nur ein Abwälzen auf ein fiktives Du, solange es nicht allen Zweckes bar ist. Der lebendige Beter erhebt sich über alle Scheidungen, über Du und Ich und schließlich selbst über das Gebet, wenn die Einigung vollbracht und jede Äußerung erfüllt ist. Daraus erwächst nun aber auch die Unwesentlichkeit des Gebets r i t u a 1 s. Und hier gibt ein Satz sehr zu denken: „Neben dem individuellen Religionsleben wirkt im Menschen, so gering es auch sein und so sehr es sich hinter lauten Negierungen verbergen mag, ein religiöses Erbe. Naturgemäß wird dem Menschen gerade dieses Erbe in getrübter, verkirchlichter Form, wie doch alles Überlieferte, Mitteilbare, Mitteilungsbereite erst geronnen, erstarrt sein muß. Durch diese erstarrte Kruste muß sich der Mensch mit großen Anstrengungen durchringen. Manche vermuten nichts hinter den Schuttwällen des Rituals, stürmen nicht vorwärts, weichen ihnen aus — diesen Menschen bleibt der Kern des Lebens verborgen; andere bleiben im Ritual befangen, ihnen wird kaum ein Ahnen des Glanzes, und nur denen, die die Wälle übersteigen, kann, wenn es ihnen sonst beschieden ist, das religiöse Gesicht hell erstrahlen." Hier ist Wiener der Quelle des jüdischen Geistes am nächsten gekommen, auch der Problematik, die (nicht ihm allein) seinem religiösen Gehalt, dem Ritual, innewohnt. „Die Juden, ein seit Jahrtausenden in gesteigerter Erregung, Fieber und ständigem ekstatischen Taumel lebendes Volk, nahmen für keinen Augenblick ein »geordnetes', d. h. behäbig hindämmerndes Leben in Muße auf. Von einem Traum und einem glühend gesehenen Wahn unaufhörlich gehetzt, beunruhigt und bis auf den Grund aufgewühlt, unternehmen sie verbissen und blind immer wieder göttliche Aufgaben, ohne sich die Zusammenbrechenden und Verzehrten zur Warnung werden zu lassen". Kein Buch über das Judentum, aber ein jüdischesBuch, und hierin liegt sein wertvoller Kern. Paul Plaut Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon, Heidelberg. Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza.