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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 293

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre
Date
1924-01-01
Page
293 (sequence 3)
Language
German
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Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre 293 eintrat, da auch im französischen Volke eine tief gehende Entscheidung, eine revolutionäre Besinnung vor sich ging. Denn die Dreyfusaffäre, die „Affäre" schlechthin, war Ausdruck einer letzten menschlichen Entscheidung. Sie bedeutete nicht nur eine Epoche im geistigen Leben Frankreichs, sondern e'ne in der europäischen Entwicklung. Es war der uralte Kampf, den die jüdischen Propheten geführt hatten, der Kampf zwischen dem Gewissen des Einzelnen, der Entscheidung für Wahrheit und Gerechtigkeit ohne jede Rücksicht auf Folgen und Wohlergehen nicht eines Einzelnen, sondern der ganzen Gemeinschaft, der ganzen Menschheit — und zwischen den Rücksichten auf Erhaltung der bis nun gewonnenen Sicherungen, auf Wahrung des Volkes, dessen, was wir lieben und ehren, und sei es selbst um den Preis, daß irgendwo in einem Einzelfalle eine Ungerechtigkeit geschähe, daß ein wenig die Wahrheit verschleiert werde. Die Dreyfusaffäre war die Krönung jenes liberalen Radikalismus, der in der französischen Revolution begonnen hatte; sie war darin wie ein Ende, ein Ende des Jahrhunderts, das mit 1789 eingesetzt und das den englischen philosophischen Radikalismus gekannt hatte. Sie war aber auch ein Vorläufer, Beginn einer kommenden Revolution, eine Befreiung des Geistes und der Nation, die im 19. Jahrhundert so überwuchert hatten. 'Sie war die Einleitung des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, da die Begriffe „Staat" und „Nation" ebenso einer Revision unterzogen werden müssen, wie früher die Begriffe „Adel" und „Religion". Sie war der Beginn einer neuen Aufklärung.*) Sie war eine Revolution mit all der Glut und der Inbrunst einer Revolution, mit ihrer Spannung ins Übermenschliche und ihrem Zusammenbruch ins Allzumenschliche. Sie war in keiner Weise eine jüdische Angelegenheit und war es doch in einem tiefen Sinne. An ihr und in ihr haben sich die elementaren Kämpfe jedes Volksorganismus entzündet, auch die des jüdischen, die seit langer Zeit zu schlummern schienen. Nicht deswegen^ weil Dreyfus ein Jude war und die antirevolutionären Tendenzen, die immer gegen „Fremde" und Neues gerichtet sind, den Antisemitismus aufpeitschten, nicht weil Bernard Lazare und Theodor Herzl an der Dreyfusaffäre zum Bewußtsein ihres Judentums gelangten, sondern weil hier im Judentum selbst der allem menschlichen Kollektivorganismus eigentümliche Kampf zwischen individuellem Gewissen und überkommenen Interessenordnungen ausbrach, ein Kampf, dessen größte Vertreter einst die Propheten gewesen waren, als dessen Vorkämpfer nun Bernard Lazare dastand, und der bis in Herzls „Mauschel" in verzerrter, aber noch erkennbarer Form nachwirkte. Als Bernard Lazare begann, für die Revision des Dreyfusprozesses sich einzusetzen, fand er nirgendwo so erbitterten Widerstand, so verschlossene Türen, wie bei den französischen Juden. Sie hatten Angst. Sie wollten kein Aufsehen machen. Sie wollten Ruhe. Wer konnte die Folgen ab- 1) Diese Gedankengänge sind näher ausgeführt in den Schlußaufsätzen meines Buches Nationalismus" (R. Loewit-Wien, 1922).

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