Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Der jüdische Künstler und die Jugend
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 564 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5^4 Bemerkungen Klassen, die nicht in einer großen Zahl ihrer durchschnittlichen Menschen den komplexen seelischen Konflikt des Künstlers in mannigfacher Variation von der schwanken Andeutung bis zur quälenden Steigerung widerspiegeln, oder die ihn aus Armut der äußeren und inneren Bedingungen verkümmert und verschüttet lassen, kennen weder Wertung der Kunst, noch ihre Höhe. Der entartete Teil des westjüdischen Bürgertums kennt keinen Wert als Geld, kein Streben als nach Macht, keinen Konflikt als die Tragikomik des Nichtvollgenommenwerdens. Darum hat die Kunst hier keine Funktion, und der jüdische Künstler, in diese Atmosphäre verschlagen, verkümmert einsam. Die Jugend ist die spezifische Zeit der Kunst. Nicht als wären alle jungen Menschen Künstler; aber viel mehr als sonst in irgend einer natürlichen Gruppe sind solche unter ihnen, die Kunstschaffen und -bedürfen ins Zentrum ihres geistigen Lebens rücken. Vielleicht gilt dies für keine Jugend so ausschließlich, wie für die westjüdische. (Auch hier zeigt sich die unvergleichliche Spannung im Judentum, das in sich die polaren Gegensätze in aller Schärfe umschließt.) Befriedigt findet diese Jugend ihr Bedürfen in den Werken der internationalen Kunst, d. h. der deutschen und in Deutschland gültigen. Daran läßt sich nichts ändern. Kaum läßt sich anderes in Allgemeinheit wollen. Und der jüdische Künstler bleibt ohne besondere Mission. Nur in einem Fall muß der kunstverlangende Jude sich dem jüdischen Künstler zuwenden: wenn ihn nach dem bildhaften Ausdruck jüdischen Wesens verlangt; wenn er, vom Gattungsmäßigen, Allgemein-menschlichen kommend, in das Arthafte, in den engeren Kreis der Nation strebt. Und hier läßt ihn der heutige jüdische Künstler fast durchwegs im Ungenügen. Die Malerei jüdischen Milieus, des Porträts ist sentimental, kitschig und schablonenhaft, weil erst so aufgefaßt jüdisches Wesen dem westlichen Bürger zugänglich ist, der geistige Anstrengung meidet, dem Kunst Erholung ist, der kein Abstraktes, Essentielles und Herbes duldet; und weil ferner der Nichtjude Judentum nur als Karikatur oder als Sentimentalität zu bejahen vermag, der jüdische Künstler aber im Westjudentum keinen Widerhall findet und sich dem nichtjüdischen Empfinden anpassen muß. Solche Kunst einer Jugend, die Forderungen stellt und um sie ringen will, aus nationalen Gründen aufzwingen zu wollen, hieße sie verflachen. Traurig genug, daß es beinahe gelang. Eine nationale Kultur, die in ihrem tiefsten Grunde kein umbildendes großes Ideal von Geist und Körper hat, ist entweder keine Kultur oder keine nationale. Erst der Bildner und dann der Ausdruck des körperlichen Ideals einer Nation ist ihre bildende Kunst. Soll die Jugend zu ihm erzogen werden, so braucht sie die Künstler, die erschüttern, strenge fordern und wahrhaft umbilden; die Künstler, die das jüdische Gesicht, die jüdische Gestalt in Kälte und Reinheit sich aus dem Meer der Schablone, Verbilligung, Verflachung und Empirie erschauen und hinstellen unter eine empfindliche Jugend als Erzieher zur Schönheit. Denn man hat uns häßlich gemacht; und wir wollen wieder schön werden. Siegfried Bernfeld Judenzählung Man sagt mir, „wir" müßten protestieren. Das ist meine Meinung nicht. An den aufrechten Deutschen ist es zu protestieren: an allen, die sich ihr Deutschland nicht durch den Ungeist, der sich mit diesen Anträgen und Prozeduren ankündigt, verschandeln lassen wollen. An den aufrechten Juden nicht. Wohl ist es eine dürftige Art von Wahrheit, die man auf dem Wege solcher Statistik findet; aber was ficht es uns an, daß sie auch hier „festgestellt" werden soll? Man stelle sie fest! Man zähle! Wir sind das Gezähltwerden gewöhnt. Rußland zählt unsre Kinder in seinen Schulen und Polen unsre Arbeiter in seinen Kommunalunternehmungen; ob ihrer nicht zu viele sind. Dahingegen hat vor etlichen Monaten ein deutscher Studentenverein angeregt, unsere Gefallenen auf Deutschlands Schlachtfeldern zu zählen. Es schienen ihm ihrer nicht genug zu sein. Und in der Tat, warum sollte sich das Prinzip des zuverlässigen Prozentsatzes nicht auch auf diesem Gebiete durchsetzen? Völker Europas, in deren Heeresverbänden achthunderttausend Juden für das kämpfen, was jedes von euch seine Sache nennt, zählt, wie viele von ihnen für diese Sache ihr Blut, wie viele für sie nur ihre Kraft hergeben. Zählt! B.