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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 563

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Blau-weiß
Date
1916-11-01
Page
563 (sequence 1)
Language
German
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Bemerkungen 563 Blau-Weiß*) Blau-Weiß ist die Bewegung der jüdischen Jugend, die die Erneuerung und Erhöhung des Judentums durch tiefes frohes Menschentum erstrebt. Ihr ist die Frage um die Erhaltung des Judentums fast unwesentlich geworden, weil sie sie von vornherein bejaht. Erhaltung allein ist ihr ein Vegetieren, ein passiver Zustand. Die Jugend drängt zur Tat. Das Judentum ist zerrissen. Die Auffassung von seinem Wesen, seiner Aufgabe und Bestimmung ist geteilt. Es gibt indes kein Volk, in dem die Anschauungen über seine gemeinsamen Ideale und Ziele in allen in gleicher Weise herrschen. Alle Völker aber schließen sich zu Tatgemeinschaften zusammen. Das muß auch das Ziel des Judentums sein: eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden für die Zukunft des Judentums in jeder Form. Es darf nicht Aufgabe der Jugend sein, politische Wege zu betreten. Die Jugend will nichts als Freiheit für ihre Entwicklung, deren Grundlagen Judentum und Jugendlichkeit sind. So lange als möglich sollen Judentum und Jugendlichkeit die Brust des Kindes als unbewußtes höchstes Gut erfüllen. Da beide aber im Kampf um ihre Bedeutung und ihre Entfaltung der Außenwelt gegenüberstehen, müssen sie, um nicht zu erliegen, allmählich ins Bewußtsein erhoben werden. Das Jude sein, das in seiner Tiefe schwer definierbar ist, ist einerseits durch Abstammung und eine durch die jüdische Leidensgeschichte bestimmte eigenartige Geistigkeit, andererseits durch den Willen (Tat) erkenntlich, das Judentum lebendig, d. h. lebenswert und lebenswürdig zu erhalten. Jugendlichkeit ist Eigenschaft derer, die die Welt in sich selbst neu erleben, die sich jedes Urteil durch eigenen Kampf erringen, die das Große verehren, das Schöne und Reine mit Güte suchen. Wahr sein und gut sein leuchtet dieser gesunden Jugend aus den Augen. Den Willen zum Judentum kann man stark machen durch die Pflege der Liebe zum Jüdischen, die erweckt werden kann durch das Erlebnis der jüdischen Gemeinschaft. Wie der Versöhnungstag — ein ewiges Erlebnis der Judenheit — den Einzelnen immer wieder aus unbewußten Trieben zum Judentum zurück- *) Aus dem demnächst bei R. Löwit erscheinenden „Tagebuch für die jüdischejugend" werden uns diese Leitsätze als Ergänzung zu Moses Calvarys Aufsatz, den wir im vorigen Heft brachten, zur Verfügung gestellt. (Anm. d. Red.) bringt und ihm die Höhe und Universalität des in sich so stark geschlossenen Kreises der Juden empfinden läßt, so soll auch das Erlebnis der jüdischen Gemeinschaft durch jede gemeinsame Freude, jedes gemeinsame Wandern, durch das gleiche Leben und Streben immer wieder neue Bindungen ans Judentum bewirken. In dieser positiven starken Freude am Judesein ruht zugleich die unbesiegliche Jugendlichkeit des jungjüdischen Geschlechts. Sie erkennt die alles Hohe schwächenden Folgen des unfreien Ghettolebens, das die Juden aus materieller Lebensnotwendigkeit zur Aufgabe eines jüdischenldeals nach dem andern zwang, und will sie überwinden. Sie verlangt freieste und frischeste Entfaltung der Anlagen des Einzelnen und doch Unterordnung der eigenen Person unter die höhere selbstgewählte Gemeinschaft. Die Jugend will die Verantwortung für ihr Tun selbst tragen, eine Verantwortung, durch die sie sich verpflichtet fühlt, nach höchster Strenge, Aufrichtigkeit und Geradheit zu streben. Sie fühlt, daß reine, starke und ganze Menschen auch reine, starke und ganze Juden werden müssen. Diese Erziehung zu wahrem Menschentum der Liebe und zur ernsten Arbeit an sich selbst und für die Gemeinschaft, der man angehört, erstrebt der Blau-Weiß durch die Verknüpfung der Jugend mit der Natur, in der der gesunde Mensch frei, treu und wahr wird. Alle Tugenden bilden — um mich eines Achad- Haamschen Wortes zu bedienen — die Peripherie des Erziehungskreises, dessen Mittelpunkt die Liebe zum Judentum ist. Fern von allem Parteileben, von aller Parteilichkeit bildet der Blau-Weiß eine geschlossene Welt für sich, in der Menschen von Lauterkeit und Idealismus, voll Hingabe an eine schöne und bessere Zukunft der Juden aufwachsen sollen. Es ist zu erwarten und heute schon zu erkennen, daß der Typus eines Blau-Weißen an seinen natürlichen Lebensformen, seinen frischen aus dem Wanderleben entspringenden Anschauungen der Welt gegenüber sich entwickelt, eine Entwicklung, aus der das Judentum hoffentlich noch starke schaffende Kräfte ziehen wird. Joseph Marcus Der jüdische Künstler und die Jugend Man kann zubilligen, daß die Kunst außer sich keine Aufgabe hat, und muß doch behaupten, daß sie eine erfüllt und daß ihr dies erst die hohe Wertung der Gesellschaft bringt, deren die Kunst bedarf, um sich frei nach eignem Gesetz zu bestimmen. Zeiten, Kulturen, 39*

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