Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Polnische Juden
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 562 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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562 Bemerkungen Beitrag aufgenommen, der besser draußen geblieben wäre. Allein man darf doch das Urteil wagen, daß jeder Westler das Buch mit jener fruchtbaren Unruhe, die das Zeichen beginnender Erschütterung des Gleichgewichts im Vorurteile ist, aus der Hand legen wird. Es fehlt da alle subjektive Aufdringlichkeit. Die Mitteilungen, Bilder und Schilderungen sprechen durch sich selber. Selbst „Ein Lob der polnischen Juden" von Salomon Maimon wirkt schon mit Rücksicht auf den Verfasser nicht anders. Schalom Asch* „Ein herrschaftlicher Sabbat" und D. Frischmanns „Ein Schmaus" (beide Titel sind nicht von den Dichtern selbst) führen ohne alle Argumentation mitten in das Allerheiligste des ostjüdischen Lebens hinein. Bei einiger Eignung des Lesers darf man erwarten, daß ihm aus dem ersten Bilde der jüdische Kulturadel, aus dem zweiten die religiöse Lebenswucht des polnischen Juden offenbar werde. Auch die von Martin Buber erzählten Legenden ,,Aus dem Leben des heiligen Rabbi Mosche Leib von Sasow" und zwei Erzählungen Agnons müßten bestimmend wirken. Die vielen, ach zu vielen Ungeeigneten wird freilich auch dieses Buch nicht fördern, ebensowenig wie spätere Bücher, die etwa noch besser sein sollten. Wo sich das Leben versündigt hat, kann ein Buch die ganze Schuld nicht mehr tilgen, und wenn es auch noch so guten Willens und reichlichen Gelingens ist. M. A. Jüdische Sachlichkeit In der langen Liste nationaler Fehlerhaftigkeiten, die uns von unsern Feinden entgegengehalten wird, fehlt selten der Vorwurf der Unsachlichkeit. Unsere Begeisterung sei Strohfeuer, heißt es da, der Atem unserer praktischen Betätigung sei kurz und Phrasen schlügen die mühevoll aufopferungsvolle Durchführungsarbeit tot. — Selbst im eigenen Lager hat sich dieses Bedenken in Form einer sehr ernsthaften Selbstkritik erhoben. Ich meine damit die Gedankengänge, die Hugo Bergmann im ersten Heft des „Juden" dargestellt hat. Es ist kein Zufall, daß diese Ausführungen von der gegnerischen Presse zum Teil mißverstanden und als reuige Abkehr von der bisherigen Methode des Zionismus applaudiert worden sind. Doch handelte es sich in Bergmanns Artikel nicht um einen Bruch mit der Vergangenheit, sondern um einen Ausbau bereits vorhandener Tendenzen, die dem Zionismus wieder den alten heroischen Zug einer das ganze Leben ergreifenden Totalität geben wollen, die nicht nur auf die „Feiertagsseele" des Einzelnen, sondern nebstdem auch auf seinen Alltag, seine wissenschaftliche Nüchternheit, sein sachliches Interesse Beschlag legen. Von diesem Standpunkte begrüßen wir das erste Heft der periodischen Publikation „Erez Israel", herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds im Haag (September 1916). — Gleich der einleitende Aufsatz betont den Leitgedanken, daß diese Hefte der wissenschaftlichen Diskussion der aus unserer palästinensischen Kolonisation entspringenden Probleme gewidmet sein sollen, während die zionistische Parteipresse bei ihren zahlreichen sonstigen Aufgaben diesen Fragen natürlich nur allgemeinere Artikel auf beschränktem Raum widmen kann. Gerade auf die Details aber kommt es an, wenn die schwierige Kolonisationsarbeit gefördert werden soll. Es ist also sehr erfreulich, daß mit der Zeitschrift „Erez Israel" ein Spezialorgan der zionistischen Bewegung geschaffen wurde, um das sich hoffentlich in kürzester Zeit alle jene, die für Kolonisationsfragen ein besonderes Interesse oder Talent haben, ebenso gruppieren werden, wie es ehedem um die leider aufgelassene Monatsschrift „Palästina" der Fall war. — Eine politische Bewegung schreitet nicht nur durch Verbreiterung ihrer Basis, sondern auch durch Verfeinerung ihres Materials, Spezialisierung ihrer Mitarbeiter, durch Versachlichung fort. Das 1. Heft von „Erez Israel" interessiert natürlich auch den Nichtfachmann, aber es nimmt sein Niveau nicht von diesem, sondern von dem wohlunterrichteten Forscher und Kenner, dessen Wort wie eine Formel langjähriger Mühe wirkt, dessen Resultat überrascht und vom Gewohnten, Hergebrachten abweicht. Gerade nach derartigen Untersuchungen besteht bei jedem, der es mit seinem politischen Bekenntnis zum Judentum ernst nimmt, ein dringendes Bedürfnis. Jede Parteischablone würde uns hemmen und wäre einer Bewegung der Geister, wie sie die jüdische Renaissance darstellt, unwürdig. Deshalb hören wir tausendmal lieber vorsichtige Einwände als Hurra-Enthusiasmus. Deshalb lassen wir es uns nicht verdrießen, die (glücklicherweise recht erfreulichen) Ziffern der Nationalfondsstatistiken während des Krieges durchzuprüfen, die juristischen und ökonomischen Auseinandersetzungen von de Lieme, Oettinger („Die praktischen Vorteile der Erbpacht") und Kaplansky („Die Ansiedlungskapazität Palästinas") zu studieren und auf Grund ihrer Mitteilungen in manchem Punkte auch umzulernen. Max Brod