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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 190

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Palästina in Tatsachen und Ziffern
Date
1923-01-01
Page
190 (sequence 1)
Language
German
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UMSCHAU KOLONISATION Palästina in Tatsachen und Ziffern Die Palästinaliteratur im allgemeinen und besonders die zionistische ist reich an lyrischen Ergüssen und Phantasien und arm an wissenschaftlich erforschtem und verbürgtem Tatsachenmaterial. Ich habe die Freude, hier ein Buch anzuzeigen, das zum ersten Mal den Versuch macht, die ganze Wirklichkeit des jüdischen Palästina in Tatsachen, Ziffern und Dokumenten darzustellen. Es heißt „Palästina im Jahre 5683" (Erez Israel Bischnat 5683) und ist soeben hebräisch im Verlage Mischanah le-schanah in Jerusalem (P. O. B. 112) erschienen. Sein Verfasser, Benzion Dünaburg, ist eine der aktivsten wissenschaftlichen Persönlichkeiten Palästinas, gleichermaßen zu Hause auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte (speziell der römischen Kaiserzeit) und der Geschichte der neuesten hebräischen Literatur. Pädagoge und Historiker zugleich, entfaltet Dünaburg als Vizedirektor des Lehrerseminars in Jerusalem eine sehr vielfältige und fruchtbare Tätigkeit. Ein Mann voller Ideen, dem nur seine Zeit nicht ausreicht, sie alle zu verwirklichen. Diesmal hat er unter vielen Mühen und Wechselfällen eine der Ideen verwirklicht, mit denen er vor drei Jahren aus Rußland kam*, eine regelmäßige Chronik Palästinas zu schreiben. Auf 380 Seiten erzählt Dünaburg die Geschichte eines Jahres in Palästina, oder vielmehr er erzählt nicht, sondern läßt die Dokumente sprechen: sein Buch ist mit der Schere gearbeitet,reihtZeitungsausschnitt anZeitungsausschnitt, und der Verfasser selbst bleibt unsichtbar. Nur die Verteilung des Stoffes und hier und da eine Anmerkung verrät die Hand des Historikers. Hierin liegt die Stärke, aber auch die Schwäche des Buches. Der Verfasser läßt die Zeitungen reden, er fühlt sich nicht verpflichtet, der Wahrheit ihrer Meldungen nachzugehen — mir scheint es bisweilen fraglich, ob all die Ereignisse, welche die nervösen palästinensischen Zeitungen (z. B. in Verbindung mit der Abtrennung des Ostjordanlandes) berichten, auch wirklich geschehen sind — immerhin: der Leser findet hier die Ereignisse zusammengestellt, wie sie sich im Bewußtsein der Mitlebenden gespiegelt haben, und findet sie alle, von den großen politischen Konferenzen bis zu den kleinen Geschehnissen einer weltfernen Kolonie, die politischen Kämpfe der Juden und die Durchsetzung der hebräischen Sprache, Statistiken nach allen. Richtungen, Einwohnerzahl, Dichte, Berufe, Prozentsatz innerhalb der Städte und innerhalb der verschiedenen Bezirke der ländlichen Siedlung (wir erfahren, daß der Prozentsatz der bäurischen Juden im Bezirke Ghaza nur 0,4%, im Bezirke Jerusalem 1,6% dagegen z. B. im Bszirke Tiberias 12,7% und im Bezirke Jaffa schon 22,1% beträgt.) Manchmal kann auch der Historiker seine Ironie nicht zurückhalten, wie wenn er in der Geschichte der palästinensischen Streiks über zwei Streiks berichtet, welche die Arbeiter durchführten, weil ihnen — die schuldigen Arbeitslöhne nicht ausbezahlt wurden. Hier macht Dünaburg die kurze und richtige Bemerkung: Die Art des Streiks. ist charakteristisch für die Bedingungen des Aufbaus und der Arbeit in Palästina. Ich füge hier noch zur Orientierung des. Lesers eine Übersicht über die Hauptkapitel an: Politischer Zustand Palästinas, Verwaltung, Bevölkerung, ökonomische Verhältnisse, Ansiedlung in Land und Stadt, Arbeiterbewegung, Gesundheit, innere Probleme der Judenheit, Schulwesen, wissenschaftliche Institute, Bibliographie palästinensischer Drucke, Nekrologe. Düneburg verspricht von nun ab all jährlich ein solches Jahrbuch herauszugeben^ Möge es ihm gelingen! Dem Waad Hal'umi^ welcher das schon gefährdete Erscheinen des Buches im letzten Augenblick durch eine kleine Subvention sicherte, gebührt unser Dank. Hugo Bergmann, Jerusalem GESCHICHTE Soziologische Geschichtschreibung? Man wird jeden Autor zunächst an dem: Maßstab messen, den er selber in seinem Werke ausdrücklich anerkennt. Es ist die treffendste Erledigung eines Autors, wenn man ihm nachweist, daß er das, was er anstrebt, nicht erreicht. Das Erkenntnis-Ideal, demDubnows1) geschichtliche Forschung zustrebt, ist die „Objektivität". Darunter kann nun das Verschiedenste verstanden werden. Nehmen wir 2) S. M. Dubnow, Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes. III. Band. Berlin 1923- Wir bringen nach der günstigeren Besprechung von Josef Meisl (Heft 10/11 des

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