Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Aktenstücke und Aufforderung
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 480 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Umschau: Geschichte überzeugend dargestellt, daß nichts mehr hinzuzufügen ist, ein Mehreres die Sache nur verwirren würde und daß ein anderes kräftiges Mittel ergriffen werden müsse, um den endlichen Sieg zu erreichen — ich reichte, von dieser Überzeugung gedrungen, damals, das in Abschrift anliegende Schreiben an einen großen Kapitalisten aus unserer religiösen Gesellschaft und teilte ihm dieses Mittel darin mit, worauf ich die in Abschrift anliegende Antwort von demselben erhielt. — Es sind seit diesen zwölf Jahren solche Schauder erregende Bedrückungen der Juden in verschiedenen europäischen Staaten zur Kunde gekommen, und haben mich so sehr empört, daß ich die Freiheit, welche wir im Kurfürstentum Hessen besitzen, bei den Leiden meiner Mitbrüder nicht mit frohem Gemüte genießen kann, und deshalb war ich bereits im Begriff, da mir früher die Aufforderung eines einzelnen nicht gelungen war, mich in einer öffentlichen Aufforderung, zunächst an die Juden Deutschlands, eventuell an alle Juden zu wenden, um dazu mitzuwirken, daß das in dem obig bezeichneten Brief angedeutete Mittel zur Erlösung unserer Mitbrüder aus der Sklaverei in Ausführung komme. — Mein Plan wäre dann kurz angedeutet folgender. — Es tritt zuförderst eine Gesellschaft zusammen, welche in Nordamerika eine so große Strecke Land vom Staat erkauft, worauf wohl einige Millionen Menschen wohnen können — die Mitglieder dieser Gesellschaft beteiligen sich hierbei durch Aktien. Die Aktie wird zu ioo Thlr. festgestellt. — Sobald eine erhebliche Anzahl Aktien gezeichnet sind, tritt aus der Gesellschaft ein durch Wahl zu bestimmendes Komitee zusammen, welches die Statuten entwirft. — Das Komitee ernennt eine General-Direktion, welche die Geschäfte der Gesellschaft, nach Bestimmung der Statuten ausführt. — Die Aktien werden sofort eingezahlt, sicher gestellt und von den Zinsen die Kosten bestritten, welche die Präliminarien zum Ankauf des Landes verursachen. Es werden sofort 3 Deputirte nach Amerika geschickt, um über den Ankauf des Landes in Unterhandlung zu treten, und die Karten, Beschreibung Preis usw. der Direktion einzuschicken usw. Dieser letzte Punkt nun veranlaßte mich, die Veröffentlichung meines Planes vorerst noch einmal zurückzubehalten, und zwar aus dem Grunde, wenn die Sache zur Öffentlichkeit kommt, so gehet jedenfalls eine geraume Zeit mit Deliberationen hierüber zu, — der Plan wird bekannt und es könnte sehr leicht auf eine oder die andere Weise z. B. durch Spekulanten oder durch die Regierung Nordamerikas selbst, der Kaufpreis des Landes so gesteigert werden1), daß wir vielleicht später das Doppelte oder Dreifache zu bezahlen haben möchten, als wenn sofort nach der ersten Bekanntwerdung des Planes, der Ankauf geschähe. — Ich entschließe mich deshalb nochmals zu veranlassen, daß ein einzelner, welcher die Mittel dazu in Händen hat, dazu aufgefordert würde, das Werk zustande zu bringen. Dieser würde die Statuten feststellen — die Direktion ernennen — sofort die Unterhandlungen über den Ankauf des Landes mit der Regierung der Vereinigten Staaten Nordamerikas einleiten — und alsdann zur Theilnahme auffordern. Die obige angedeutete Kalamität würde alsdann durchaus nicht zu befürchten sein. — Zu diesem großen Werke der Übersiedlung der unterdrückten Juden nach Amerika betreffend, ist Niemand besser geeignet wie der Hochherzige, mit irdischen Gütern hierzu hinreichend versehene Salomon Heine dort. — Es ergehet daher an Sie, mein hochgeehrtester Herr Riesser, mein dringendes Gesuch, diesen würdigen Mann dazu zu veranlassen, sich als Generaldirektor an die Spitze zu stellen, und daß Sie alsdann nach Kräften mitwirken werden, unterliegt keinem Zweifel, mir aber könnte kein größeres Glück beschieden sein, als wenn ich auch thätigen Antheil an diesem Werk der Befreiung nehmen könnte. — Wenn (wie unsere Geschichte hinlängliche Beweise liefert) einzelne Männer den Impuls zur Befreiung ihrer leidenden Mitbürger gegeben, und dieselbe dadurch bewirkt haben,Moses, Nehemias, Esra, Makkabi, Mardochai etc. etc., so war immer der Kampf bei diesen Vorgängen, in der Ausführung in jeder Hinsicht weit schwieriger wie heut zu Tage und ist an einem Gelingen mit der göttlichen Hilfe wohl nicht zu zweifeln. In der Geschichte und ihrer Wirkung, auch auf die Menschheit im allgemeinen, wird diese Befreiung einen ebenso glänzenden Erfolg haben wie l) Diese Befürchtung entstand bei mir, indem ich einen einzelnen Staat Nordamerikas im Auge hatte, welcher sich jetzt sehr schnell bevölkert. Im allgemeinen jedoch hat diese Befürchtung nicht viel zu bedeuten. (Anmerkung des Brief Schreibers) B.