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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 465

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Mythos der Gegenwart
Date
1923-01-01
Page
465 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Mythos der Gegenwart 465 lichung. Man spiegele sich nicht, man sonne sich nicht, man schmeichele sich nicht, am wenigsten im Leiden der nahen Verwandten! Was nützen alle Skepsis, alle dialektische Gewandtheit gegen die Sentimentalitäten — der anderen, wenn man sich selbst so nachgibt. Man werfe mir nicht Ungerührtheit vor. Aber gerade die Tatsache, daß hier U r - instinkte getroffen werden, daß man zu jeder einzelnen Zeile, zu jedem einzelnen Bild, zu jedem Urteil immer wieder „Ja" sagen will, gerade das macht das Ganze so tief verdächtig. Nur ein veralteter Snobismus könnte einem Kunstwerk Tendenz als solche vorwerfen. Aber es müssen dann eben Schöpfungen wie die Weber oder Blätter von Käthe .Kollwitz herauskommen. Sonst bleibt es beim Leitartikel — und ich glaube doch, daß es die Absicht beider Künstler war, mehr zu geben als eine Feiertagspredigt in einem zionistischen Vereinsblättchen. Kürzer formuliert: Struck zeichnet eine Reihe ausgezeichneter Köpfe ostjüdischer Männer und Frauen, welche er, sicher zum großen Teil mit Recht, für typisch erklärt und deren Typik . auch uns — ferner von Wilna und Kowno — überzeugt. Arnold Zweig deutete sie aus und entzifferte die Linien ihres Schicksals, — nicht immer ohne Gewaltsamkeit. Und nun ist merkwürdig und dabei im höchsten Grade aufschlußreich: trotzdem wohl jeder an das Buch mit einer vorwiegend optischen Einstellung herangeht, sehen will und nicht lesen, so bleibt Geschriebenes länger haften als Geschautes, wirkt ungleich intensiver, tritt näher an uns heran. Ich glaube nicht, daß das ein subjektiver Eindruck ist und sehe hierin nicht etwa einen Mangel der zeichnerischen Fähigkeit Strucks, denn einige dieser Köpfe ergreifen wahrhaft, sondern hier eben einen Beweis für die Grundeinstellung des Buches, die leider, leider, durchaus literarisch ist. Nicht verdichtet wurde das Erlebnis zur Form der Sprache, sondern der Stoff lediglich paraphrasiert und illustriert Und nun noch ein Wort über die symptomatische Bedeutung des Werkes, die weit über diesen Einzelfall hinausreicht: Nicht ob dieses einzelne Buch als Kunstwerk ein wenig besser oder schlechter gelungen erscheint, ist wesentlich. Sondern, daß hier die Gefahr der Sentimentalisierung echter und elementarer Empfindungen droht. Jüdische Kunst erhält nicht ihren Sinn durch bestimmte verwandte. oder leicht zu assoziierende Gefühlsinhalte, nicht durch eine bestimmte seelische Materie oder durch „Richtigkeit" irgend eines Gedankens, sondern, wie alle Kunst, durch die F o r m u n g des Erlebnisses. Wo diese fehlt, können Bericht und Abbild uns nur menschlich interessieren, aber nicht den Anspruch auf irgend eine ästhetische Wertung erheben. Keine Sentimentalität, keine Toleranz, nicht apologetische Absicht und noch so lobenswerte Tendenz dürfen verhindern, daß an derartige Veröffentlichungen der schärfste künstleMSche Maßstab angelegt wird. Geben wir hierin nur etwas nach, so wird auch unsere nationale Kunst bald zum Zerrbild eines gutgemeinten völkischen Dilettantismus. Paul Zucker.

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