Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 431 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Cohen 43i Zwischen Moses Mendelssohn und Hermann Cohen streckt und breitet sich ein Jahrhundert, und dieses Jahrhundert umfaßt auf der deutschen Seite Kant und Goethe und das Erstarken der nationalen Bewußtheit, auf der jüdischen die Anfänge der Emanzipation und nach außen und innen das Ringen um ihre Vollendung. Mendelssohn war als ein Neuling eingetreten in unsere Literatur; er erfüllte daneben als Übersetzer des Pentateuchs eine wichtige Aufgabe unter seinen Glaubensgenossen; und er verdiente seinen Unterhalt im Kontor seiner Seidenfabrik. Er war von zarter Gesundheit und im äußeren Dasein mannigfach gehemmt; so kam es, daß sein Denken weiter ausblickte, als es auszuschreiten vermochte. Cohen durfte in der Wechselwirkung von Forschung und Lehre ein Philosophenleben durchführen an einer deutschen Universität. Der Unterschied in der Gunst der Verhältnisse ist so beträchtlich wie der Abstand der spekulativen Begabung, aber Mendelssohn wie Cohen sind Zöglinge des altjüdischen Unterrichts, und darum sehen sie mehr als das Gestern und das Heute; über die nächsten zeitlichen Verbindungen hinweg suchen sie die Richtung der entscheidenden Zusammenhänge. Es ist, als ob eine Fernsicht Mendelssohns sich verwirklichte, nun Cohen Kants „Theorie der Erfahrung4' aus der stilistischen Nachbarschaft zu Hume heraushebt und sie unmittelbar heranträgt an Leibniz und Newton. Cohen hat die Philosophie gern mit dem Beiwort „weltgeschichtlich" ausgezeichnet. „Bei Jesaja zum ersten Male finden wir den klar erkannten Begriff der Weltgeschichte". So bestätigten es protestantische Theologen. Cohens Ansicht des Geschichtlichen ist verschieden von dem, was wir als „Historismus" dem neunzehnten Jahrhundert zuschreiben, und was uns gerade jetzt wie ein Gefängnis beengt. Die Begegnung mit Kant ist das Ereignis seines Lebens gewesen. Gibt es nun eine ursächliche Verknüpfung zwischen Kant und dem historischen Sinn? Das Bewußtsein Kants von seiner Person enthält nicht alle Folgerungen, die aus der „kopernikanischen Wendung" seiner Kritik zu ziehen sind, auch die Projektion seiner literarischen Herkunft schränkt ihn ein. Nicht etwa, daß wir nun sagen müßten: „Sein System war größer als er", vielmehr: Jene Wendung betrifft das Menschenmögliche überhaupt. Es bedurfte eines weiteren Kreises von Individuen, es bedarf weiterhin eines „Reiches der Geister", um den neuen Reichtum in die Gefilde der Gesittung hineinzuleiten. Was also bringt Kant der Geschichte dar? W$nn sich die Gegenstände nach den Begriffen richten, und nicht umgekehrt, wenn der Zeit nicht absolute, sondern nur empirische Realität zukommt, so wird damit auch alle Vergangenheit unseres Geschlechts uns inniger zugeeignet. Niebuhr war ein treuer Kantianer. Es wäre nicht möglich, ihn als einen Anhänger Hegels sich vorzustellen. Denn nur die stetig wiederholte Annäherung des historischen Prozesses an den Begriff ist kantisch, nicht seine Selbstbewegung «n Fortschritt des objektiven Geistes. Der Grenzrain zwischen Kategonen und Ideen wird nicht abgetragen. Warum fragen wir überhaupt, „wie es eigentlich gewesen"? Suchen wir eine selbstgenügsame Erkenntnis der