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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 408

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Der größere Zionismus
Date
1923-01-01
Page
408 (sequence 4)
Language
German
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408 Oskar Karbach: Orgie des fanatischen Antisemitismus aufgedrängt und absorbiert wesentliche Kräfte. Deswegen darf aber der Gedanke niemals in den Hintergrund treten, daß die defensive Tätigkeit keineswegs die einzig mögliche politische Emanation des Judentums bedeutet: sehen wir davon ab, daß diese oft blinde Abwehr ohne tiefere Scheidung der gegnerischen Schichten voneinander, ohne den Gedanken an die reale politische Funktion des Antisemitismus im heutigen Europa, dann ein aussichtloses Vorhaben sein muß, wenn es außerhalb unserer Einflußsphäre stehenden Machtgruppen, insbesondere der staatlichen Gewalt der uns umgebenden Bevölkerung gefallen wird, offen oder versteckt uns den rechtlichen Schutz zu verweigern: aber auch ein aussichtsloser Kampf kann unter Umständen unabwendbar sein. Jedoch die defensive Tätigkeit als ein Endziel der Politik ist nicht gestaltend und vor allem ist sie nicht initiativ. Gerade der völlige Mangel an Initiative in der Judenfrage, die dem bewußten Judentum mit Selbstverständlichkeit zukommen würde, raubt unserer Bewegung alle Schlagkraft und Anziehungsgewalt: wir sind heute nicht der repräsentative, ja noch nicht einmal ein mitbestimmender Faktor in der Entwicklung der jüdischen Angelegenheiten. Vor den entsetzten Augen einer fast eine Million Menschen umfassenden, recht straff gegliederten Organisation volksbewußter Juden des ganzen Erdkreises gehen in unerhörten Martern Zehntausende von Brüdern zugrunde, ohne daß auch nur das mindeste vorgesehen erscheint, diese Greuel zu verhindern, zu beseitigen, zu lindern; ja, ohne daß theoretische Einstimmigkeit darüber herrschte, ob es unsere Aufgabe sei, hier als politisch organisierte Gesamtheit einzugreifen. Es ist die Schuld der vergangenen Jahre, die untilgbar in der jüdischen Geschichte fortleben wird, daß die jüdische Öffentlichkeit sich, in tatenlosem Leichtsinn, Anschauungen hingibt, deren Naivität nicht mehr lange mit der Ungewohnheit politischen Denkens wird entschuldigt werden können. Unsere Schuld ist es, wenn die nichtjüdische Allgemeinheit, die wir sich selbst überlassen haben, den Freibeutern des Antisemitismus anheimgefallen ist, unsere Schuld, wenn das einzelne jüdische Individuum sich durch die Assimilation der erdrosselnden Isolierung zu entwinden hofft, da wir es nicht verstehen, die jüdische Gesamtheit dem Drucke zu entziehen, der auf ihr lastet. Wollen wir uns nicht selbst belügen, stellt sich die Lage heute* so dar: die Wirren der Nachkriegszeit haben das Judentum noch stärker als zuvor zum Sündenbock alles politischen und wirtschaftlichen Geschehens gemacht. Es wäre sehr edel von den Drahtziehern des Antisemitismus, wenn sie von ihrer Campagne gegen die Juden abstehen wollten, aber — und hier verlassen wir das Gebiet der üblichen harmlos-naiven Betrachtung der Dinge — es wäre von ihrem Standpunkt aus eine kapitale Dummheit, sich dieses immer prompt wirkenden Mittels, die Volksstimmung von den eigentlich schuldtragenden Umständen und Personen abzulenken, ohne Aussicht auf einen vollwertigen Ersatz zu begeben; es

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