Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Hans Kohn; hat keinen Zugang zu ihr. Er hat sich der Enge des Ghettos noch nicht ganz entwunden: die Freiheit ästhetischen Lebens ist ihm ebenso fremd, wie die Bedeutung sozial-ökonomischer Probleme. Dennoch hat er den entscheidenden Durchstoß vollzogen aus Assimilation und Ghettoerstarrung zugleich. Er hat den Weg zu einem neuen Judentum gewiesen, das aus dem Blute des alten aufstand — und mögen manche der Jüngeren sich gegen seinen überwiegenden Einfluß gesträubt haben, so ist er doch ihr Lehrer gewesen, denn die ewig jungen und uralten Ideen der Propheten waren in ihm lebendig. ,,Immer wieder ist es dieselbe Grundüberzeugung: daß die Entscheidungen der Menschheit im Geiste bereitet werden, und daß alles äußere Geschehen nur Spiegelbild und Schatten des inneren Wesens ist. So hat Achad Haam die nationale Aufgabe ergriffen: alles Schicksal des Volkes wird entschieden durch den Geist, in dem jeder einzelne erzogen wird. Die nationale Frage ist nicht ein Machtproblem, Die Macht wechselt und vergeht, entscheidend allein ist der Geist.'' (Hugo Bergmann.) Manchen der Jungen war dieser Weg Achad Haams zu eng, in ihnen war die Aufklärung zu stark; das neue, helle Licht Europas blendete die eben aus dem Ghetto Getretenen. In ihnen war aber auch das Erbe des Chassidismus zu stark: sie wehrten sich gegen überkommene geschichtliche Inhalte im Namen der Tat, die ihnen ihr lebendiges Herz gebot. Teils waren sie Voluntaristen, Schüler eines falschverstandenen Nietzsche; die bunte Schönheit der Welt sprach zu ihnen, überschäumende Lebensfreude, Leidenschaft künstlerischen Schaffens. All das fanden sie im Traditionalismüs Achad Haams nicht. Teils bewog sie das Problem der Arbeit als solcher: jüdische Arbeit auf jüdischem Boden, die soziale Frage und die Aufgaben der Wirtschaft. All das fanden sie im Intellektualismus Achad Haams nicht. Der Mittelpunkt der Jungen war Micha Joseph Berdyczewski, der sich ebenso wie der hebräische Lyriker Saul Tschernichowski gegen die Vergeistigung des jüdischen Lebens wandte. Manche Fäden führen von der Stellung dieser „Jungen" zu Pinskers und Herzls formalem Zionismus, ebenso wie andererseits die zweite Gruppe, von der wir oben gesprochen haben, manche Tendenzen der Arbeiterschaft in Palästina, vor allem des Hapoel-Hazair, mitgestaltet hat. III. Theodor Herzl (und ebenso Max Nordauf \n geringerem Maße gilt dies auch von Leon Pinsker) kam aus jener Phase der Assimilation, die bereits den Zusammenhang mit der jüdischen Tradition verloren hatte und die die Werte und Wertungen Europas naiv und selbstverständlich übernahm. Für ihn war das Judentum eine rein formale Größe, ohne jede inhaltliche Bestimmtheit. Seine Kulturtraditionen und seine Hoffnungen verstand er nicht. Aber die Form des Judentums schien ihm unvollkommen; es galt, ihm eine vollkommene Form zu verleihen.l) *) Leon Pinskers „Autoemanzipation" (erschienen 1882), Max Nordaus „Zionistische Schriften", Herzls „Judenstaat" (1895), „Zionistische Schriften", „Altneuland", „Tage-