Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Literatur in schwedischer Sprache [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 306 (sequence 3)
- Language
- German
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3o6 Umschau: Literatur tneinden in Sachsen und Bayern oder gar der skandinavischen Gemeinden, die doch in einem besonderen Kapitel behandelt werden. Es scheint, als wisse Bernfeld nicht, ob er Elsaß-Lothringen zu Deutschland rechnen oder seine Gemeinden unter den französischen aufzählen soll. Darum ist er darüber hinweggegangen. Eine besondere Vorliebe hat Bernfeld für die deutschen und Österreichisch-ungarischen Juden, denen er einen großen Teil seiner Arbeit, nämlich 20 Seiten widmet; gleichzeitig aber erledigt er auf fünf Seiten das russisch-polnische Judentum, das doch so vielfarbig ist in seinem religiösen Leben, seinen Institutionen, Parteien und Strömungen. Auch darin hat der Verfasser gefehlt, daß er keine Statistik für die in seinem Artikel aufgeführten Zahlen benutzt, sondern diese ungefähr geschätzt und abgerundet hat. Trotz all diesen Beanstandungen aber gibt uns dieser Artikel ein, wenn auch unvollkommenes, Bild unserer Kul- . tur, oder richtiger: unseres religiösen Lebens. Die beste Abhandlung ist der Artikel des Redakteurs des Gesamtwerkes, Dr. Ehrenpreis, der einen umfassenden Überblick über die hebräische Literatur gibt. In markanten Strichen zeichnet uns der Verfasser die Entwicklungsbahn unserer ganzen Literatur, die beim Alten Testament beginnt und bei S c h n e i u r endigt — eine Epoche von ungefähr 3000 Jahren. Der Verfasser zeigt die innere Einheit dieser Entwicklung von der Prophetin Debora bis zu unserem letzten großen Dichter Schneiur, eine Einheit, welche die längste Geistesepoche der Weltliteratur zu einem Ganzen verbindet, und an der die übrige Menschheit künftighin nicht achtlos vorbeigehen kann. Die interessantesten Bemerkungen des inhaltreichen und nahezu erschöpfenden Aufsatzes finden sich beim Thema der neuhebräischen Literatur. So heißt es in dem Abschnitt über die Haluzim1): „An der Schwelle unserer neuen Epoche stehen 4 Männer, von verschiedener Herkunft, nach verschiedenen Zielen strebend, jeder mit besonderer Botschaft im Munde, die jetzt — im Lichte der Geschichte — uns gewissermaßen als Vereinigung neuer Geistesschöpfungen innerhalb des Judentums erscheinen: der Dichter und Kabbaiist M. Ch. L u z a 11 o aus Padua (1704—1747), der talmudische Enzyklopädist, der Gaon von Wilna E1 i j a h u (1720—1797), der Begründer der chassidischen Bewegung: Israel Beseht von Ukup (1700—1760) und der Philosoph Moses Mendelssohn aus Dessau (1729;—1786)Der Verfasser weist dann auf die geistige Armut dieser Epoche hin, die darin bestand, daß jeder seinen eigenen Weg von seiner eigenen Quelle her ging. Und doch hatten diese getrennten Bestrebungen eine gemeinsame Folge: verlorene Quellen wurden wieder gefunden, diejenigen, die allzu langes Alter verstopft hatte, wurden wieder nutzbar gemacht. Die so beginnende Bewegung darf die Bewegung der Erneuerung jüdischen Geistes genannt werden, eine Bewegung, die aus alten Quellen neue Kraft schöpfte: Luzatto kehrt zur Bibel zurück (Neu-Biblismus), der Wilnaer Gaon zum Talmud (Neu-Talmudismus), Israel Beseht zum Sohar und zur mystischen Kabbala (Neu- Kabbalismus), Moses Mendelssohn teilweise zu der jüdisch-aristotelischen Religionsphilosophie (Neu-Maimonismus). So erklärt Ehrenpreis die Bedeutung eines jeden einzelnen dieser „Pioniere*4 für die Erneuerung unseres Geistes. Bei dem letzten der „Haluzim" " kommt er zu seiner zweiten These, die dahin lautet, daß es eine dreifache Haskala1) gebe: die deutsche, galizische und litauische. Nachdem der Verfasser in einer ausführlichen Darlegung die Entwicklung der Haskala bis auf J. L. G o r d o n aufzeigt, geht er zur zweiten Epoche über, in welcher der nationale Gedanke in unserer Literatur lebendig zu werden beginnt. Dieser Abschnitt beginnt bei Smolenski und endigt bei Mendele Mocher Sef orim (J. Abramowitsch). Der dritte Gedanke, der in unserer neuen Literatur auftaucht, ist der Gedanke der Synthese. Das ist das Leitwort, das Ehrenpreis dem letzte Abschnitt unserer jüngsten Literatur voranschickt, der bei Ah ad Haam beginnt und mit Bialik, Tschernichowski und Schneiur endigt. In den drei vorletzten Aufsätzen finden wir Abhandlungen über die Entwicklung unserer Kunst. Dr. Weichert bemüht sich zum ^ersten Male einen allgemeinen Überblick über die Geschichte des jüdischen Theaters zu geben, Arno Nadel spricht über die Geschichte der jüdischen Musik, Karl Schwarz über die der jüdischen Kunst. Diese drei Artikel haben manche Vorzüge und Nachteile gemeinsam: Jeder gibt uns einen kurzen und klaren, doch nicht umfassenden Überblick; denn wie Weichert nichts von der Geschichte des hebräischen Theaters erwähnt, das ohne Zweifel v *) Pioniere. *) Aufklärung.