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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 298

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Der ewige Flagellant [Rezension]
Date
1923-01-01
Page
298 (sequence 2)
Language
German
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298 Bemerkungen: Der ewige Flagellant kommt es nicht, weil es der ehrlichen Selbstanklage zu sehr gelingt, durch das Häßliche den Haß und durch das Abscheuliche den Abscheu zu erregen. Seit den ältesten Zeiten bis hin zu Weininger gab es viele dieser Tonarten. Der rasche Erfolg des kaum erschienenen Romans von Ludwig Wind er „Die jüdische Orgel'* (Rikola-Verlag, Wien) verrät die Wirksamkeit einer neuen Modulation. Nach den üblichen Ansichten der Praktiker müßte das Buch für den allgemeinen Beifall wenig geeignet sein. Die widerborstige Aufrichtigkeit der Problemstellung, die vehemente, hemmungslose Wahrhaftigkeit, mit der die Ereignisse aus den Menschen hervorbrechen, die elementare Explosivität der stacheligen Sprache hat nichts vom Lockfutter für den breiten Bücherverzehrungsapparat noch von der wohlsignierten Besonderheit einer Clique. Der Dichter huldigt keinem Ismus und kokettiert mit keiner Mode. Es sei denn die Tendenzlosigkeit, die Abkehr von jeder vorbestimmten, ob nun ethischen oder nationalpolitischen Absicht, die freilich auch eine und vielleicht nicht die unbedenklichste Tendenz ist. Der immer in den Herzpunkt der Dinge treffende, natürliche und doch neufärbige Ausdruck bringt die wilde Frage des Buches, noch ehe der Verstand sie ergreifen konnte, dem Blut, den Sinnen des Lesers bei. Unter der Last einer endlosen Reihe gottgieriger Vorfahren, unerweichlicher Sieger über sich selbst, tyrannischer Gottzwinger fühlte sich der Sohn Wolf Wolfs ersticken, zur Gebetformel, zum Buchstaben auf der Chedertafel vertrocknen! Der Neid, mit der der Fünfjährige fern in der Sonne vor der Synagoge die Christenbuben spielen sieht, wird zum Vorzeichen seines Lebens. Die Jüdische Orgel ist die verbotene ästhetische Wollust," die untersagte Musik der Sinne; in ihr lockt die mit der alten Heimat für ewig verlorene unersetzliche Naturfreude. Grausig wird die Raserei der entfesselten Lebensgeister beim ersten Zucken eines Ventils, die Rache, die das Blut an der Askese der Jahrtausende nimmt. Das kleine Kille- Jüngel aus dem Budapester Seminar wird zum Don Quixote der Erotik wie nachher der Busse (die schaurigste Station: als er sich zwingen zu können glaubt, eine böse häßliche Frau ehrlich zu lieben), und zuletzt der Erlösung, wenn er als Hausierer für Reinheit mit flatternden Frackschößen zwischen den Kaffeehaustischen gespenstert. Hier, wo er sich gerrettet glaubt, ist er nun wirklich zu jenem entselbsteten Schemen geworden, vor dem er in alle Höllen geflüchtet war. Uns graust es vor solcher staubtrockener luftleerer innerer Ruhe und Harmonie, von der der aufgewühlte kämpferische Christus einst wahrlich nichts wußte. Wir zittern in dem Anblick ohne Atem vor der granitnen Brücke von einst zu einst, von der kein Meer der Tränen auch nur ein Sandkorn wegschwemmt. Diese Verzweiflungsschreie aus dem Herzen des zur schonungslosen Selbsterkenntnis auserwählten Volkes, diese Blitze die das Zwielicht der in wissender Skepsis beruhigten Unverbesserlichkeit so wütend durchschneiden, wollen nicht wissen, ob sie ein Widerschein der Hölle oder der Himmelsglorie sind. Natürlich trifft es nicht die ganze Art, was hier gesagt ist; es ist ein Zerrspiegel, den die Verzweiflung hier vorhält. Aber wer auch nur einem einzigen Menschen in seiner zufälligsten Besonderheit ganz auf den Grund geht, tut-das Universellste, das eine Dichtung, als sittliches Dokument, tun kann und zugleich das Nationalste. Und, was für alle gilt: Es gibt keine Übergangsgeneration. Jede Zeit steht für sich selbst und alle fliessen ineinander. Wer kann sagen, ob er mehr Enkel oder mehr Ahne ist? Ob er wirklich schon in der Mitte oder vielleicht noch sehr weit am Anfang steht? Wer nicht von sich aus sieht und will, wen der Atem in seinem Nacken jagt, der ist verdammt und verloren. Oskar Baum

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