Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Die Wirkung der christlichen Religion auf das jüdische Kind
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 485 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 485 macht. Aber kein europäisches Volk hat dies je getan. Wohl gab es Zeiten, die mit schmerzlicher, fast vernichtender Gewalt das Wesen des Christentums empfanden. Sie sehnten sich nach dem wahren Christentum, doch der Instinkt und die Lebenskraft der wurzelstarken europäischen Völker bezwangen diese Sehnsucht und fanden einen Ausweg. Die Völker erzeugten in sich ein Organ christlichen Lebens. Einsiedler und Märtyrer lebten für die anderen ein annähernd christliches Christentum. Der andere überwiegende Teil lebte das verheidnischte europäisierte Christentum. Die Verbindung zwischen beiden war in Deutschland und Frankreich die gotische Kunst, dieser herrliche, hinreißende und doch hoffnungslose Versuch einer christlichen Kunst. Denn Kunst ist unchristlich. Der moderne wurzelhafte Germane hat ein Sicherheitsventil gegen das in ihn einströmende Christentum. Es schützt ihn vor einem zu tiefen, sein Wesen zerstörenden Eindringen. Hat einmal das Sicherheitsventil versagt, drang der Strom in gefährliche Tiefen, so wird es einer wiedererwachenden trotzigen Kraft doch später gelingen, ihn wieder einzudämmen. Das jüdische Kind aber, nicht das jüdische Kind von angeborener enger Zweckstrebigkeit und Seelendürre, sondern das edlere jüdische Kind, über dessen Seele das Christentum hereinbricht, empfindet tief und überwältigend seine lebenvernichtende Macht. Aus einer Rasse, seit Jahrtausenden losgelöst vom kraftspendenden Boden, mit dünnen schwachen Wurzeln im Irdischen, ist die Seele des jüdischen Kindes allem Geistigen sehnsuchtsvoll, hemmungslos, hilflos offen ohne genug regulierende Schwerkraft. Und es ist die aus der Seele seiner Rasse geborene Religion, von der es betroffen wird, für die es daher ein angeborenes Verstehen und Mitschwingen bereit hat wie die Individuen keines anderen Stammes, Hier ist kein Ringen und Fortschleudern, kein teilweises Sichverschließen, kein ahnungsloses Fortgleiten über Abgründe wie beim erdhafteren germanischen Kinde. Hier ist das leise wollende Sichzerbrechenlassen einer Seele, die seit Jahrtausenden das Gebrochenwerden erlebt hat, ein selig-schauderndes Sichöffnen und Sichüberflutenlassen ohne zurückdämmende Lebens- und Sinnenkraft. Darum haben die Juden immer das Christentum von sich ferngehalten. Sie ahnten, daß sie es nicht ertragen könnten. Sie als einziges unter allen Völkern hätten mit dem Christentum Ernst gemacht und damit sich selbst ver- Verhältnisse 1. Vor dem Bezirksrichter der Wiener Leopoldstadt hatte sich der Postbeamte Karl Lindner wegen Verführung unter Zusage der Ehe zu verantworten. Laut der von der Kontoristin Helene F. erstatteten Anzeige hatte Lindner sie vor drei Jahren kennen gelernt und sie nach einiger Zeit darum gebeten, zu ihm in intime Beziehungen zu treten, wobei er ihr versprach, daß er sie beim nächsten Avancement heiraten werde. Diesen Beziehungen war ein Kind entsprossen. Als nun Lindner sein Eheversprechen nicht einlöste, erstattete das Mädchen die Verführungsanzeige. Die Anzeigerin gab an, daß sie die Wünsche des Angeklagten erst erfüllte, als er ihr ein bestimmtes Ehe versprechen machte. Richter: Haben Sie eine gute Erziehung genossen? Zeugin: Gewiß, Herr Richter. Richter: Ich frage Sie deswegen, weil in besseren Kreisen die Verführung doch sicher auf größeren Widerstand stoßen dürfte, als in den breiten Schichten der Bevölkerung. Zeugin: Da mein Vater ehemals ein Großgrundbesitzer war, hatte er mir eine in jeder Hinsicht vorzügliche Ausbildung zuteil werden lassen. Lindner hat ja auch drei Monate gebraucht, bis ich ihm meine Unschuld opferte. Ich habe ihm damals vorgehalten, er möge sich vor Augen halten, daß es ein Schritt fürs Leben sei, den wir begehen sollten. Er beteuerte mir neuerdings seine Liebe und den Ernst seiner Beziehungen. Richter: Kam auch der Glaubensunterschied zwischen Ihnen und dem Angeklagten zur Sprache, da Sie doch Israelitin sind und er Katholik ist? Zeugin: Gewiß! Wir hatten besprochen, daß ich zur katholischen Kirche übertrete. Jedesmal, wenn ich ihm mit irgendwelchen Bedenken bezüglich seines Vorgehens kam, hatte er nur die eine stereotype Antwort für mich: „Ich bin doch ein Staatsbeamter und weiß, was eine Schufterei ist und was nicht!" Als ich ihn dann in Kenntnis setzte, daß unsere Beziehungen Folgen gezeigt hätten, gab er mir den Rat, ich möge zu einer Hebamme oder zu einem Arzt gehen und an mir einen verpönten Eingriff vornehmen lassen. Ich habe selbstverständlich nichts davon hören wollen. Dann kam das Kind zur Welt. Als er mich dann im Stiche ließ, ging ich zu seiner Schwester, die mir ebenfalls sagte, ich möge es mir nicht so zu Herzen nehmen, auch ihr gegenüber hätte er die Absicht geäußert, mich bald zu heiraten.