Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Mut
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 484 (sequence 2)
- Language
- German
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4^4 Bemerkungen deren Zauber sich niemand entziehen kann, nicht einmal der durch tausendjährige Erziehung und Auslese geprägte Jude. Diese primitive Welt ist das ausschließliche Reich der Ästhetik. Schön ist hier die Naivität, das Jenseits von Gut und Böse.*) Stoff für den Dichter der Ilias. Kein Stoff für den Evangeliendichter. Dem „Löwen", als Idee, können wir den „Juden" als Idee gegenüberstellen. Die Primitivität, das Leben in der empirischen Realität hat er verloren. Das Reich der transzendentalen Idealität ist ihm erschlossen. Dies ist das Reich der Ethik.**) Hier spricht man von „Opfermut" und „Feigheit". „Feigheit" als Vorwurf ist für den Löwen sinnlos. Er ist und darf feige sein, denn niemand erwartet von ihm Opfermut. Er soll keine Furcht haben, wenn er ein rechter „Löwe" ist. „Furcht" als Vorwurf ist für den Juden sinnlos. Er ist und darf furchtsam sein, denn niemand erwartet von ihm Kampfesmut. Er soll nicht feige sein, wenn er ein wahrer „Jude" ist. Für den Kampfesmut des Löwen legt die Naturgeschichte Zeugnis ab — für den Opfermut des Juden seine bloße Existenz, erkauft durch vielhundertjähriges Martyrium. Das Tier ist ganz vom Selbsterhaltungstrieb beherrscht und deshalb durchaus feige. Es ist furchtsam gegenüber dem Stärkeren und wenn es kampfesmutig angreift, durchaus optimistisch siegesgewiß. (Dieses Optimistischsiegesgewisse ist auch für einen gewissen Typus romantischer — aber mehr noch romanhafter — Helden charakteristisch, den Bernard Shaw in „Arms and the men" verspottet.) Seine Furcht und sein Kampfesmut wirken durch das Medium der Instinkte. Der Jude faßt seinen Opfermut nur durch das Medium der bewußtgewordenen Idee. Es heißt nicht feige sein, wenn die Idee nicht wirkt. Der „Mensch" ist eine Resultante beider *) Der moderne Krieg hat nur einzelne (sehr, sehr wenige) Momente wahrer Schönheit, eben weil ihm im ganzen die Naivität fehlt. **) Wenn man einen Husarenoffizier vor Augen hat, muß man einen polnischen Juden eher tugendhaft als schön nennen. Damit ist ein die polnischen Juden betreffendes Problem im Nebensatz erledigt. Aber auch er hat seine Schönheit. Es ist eine Schönheit, gesehen durch eine Idee. Man denke an die christlichmittelalterlichen Märtyrer-Bilder, die der heidnische Grieche ablehnen muß. Prinzipien. Er ist häufig kampfes- und opfermutig. Aber die Größe der Resultierenden ist kleiner als die Summe der komponentalenKräfte. Derselbe Kampfesmut, dessen Streben die Vernichtung der fremdenExistenz ist, verhindert die schrankenlose Ausbreitung des Opfermutes, dessen Ziel die Hingabe der eigenen ist. Der leibhaftige Jude ist kein Prinzip, sondern ein Mensch, Also ist er furchtsam und feige, opf er- und auch kampfesmutig (wie es ja auch dressierte, d. i. furchtsame Löwen gibt). Aber Erziehung und Auslese in einem für die Erziehung eines Volkes beispiellosen Umfang haben ihm ebensoviel an Angriffstrieben genommen, als sie ihm an Leidenskraft geschenkt haben. Die Juden haben mehr als anderthalb Jahrtausend keinen Krieg geführt. (Daher gibt es wohl auch kaum einen jüdischen Mörder.) Die europäische Menschheit wird an primitiver Wildheit so viel erst etwa im Jahre 3500 eingebüßt haben, wofern sie es über sich bringt, in diesen 1500 Jahren Frieden zu halten. Ein hoffnungsloser Fall. Die Juden haben oft ihren höheren Standpunkt zugunsten eines niederen aufgegeben, um nicht glauben zu lassen, sie hätten einen Mangel, wo sie einen Vorzug hatten. Solche Juden gleichen dem Antialkoholiker, der in trinkender Gesellschaft mittrinkt, um auch als „Mann" zu gelten. Markus Reiner Die Wirkung der christlichen Religion auf das jüdische Kind Jesus war eine Inkarnation der jüdischen Religiosität. Er strebte in Lehre und Leben nach dem absolut Unmöglichen, nach völliger Selbsthingabe und gleichzeitig nach Selbstbewahrung. Die Selbsthingabe aber, die gefordert wird, ist eine so vollkommene, daß sie Selbstbewahrung ausschließt. Der Buddhismus erstrebt als höchstes Ziel das Versinken in das Nirwana. Das germanische Heidentum war ein Kultus kraftvoller stolzer Sinnlichkeit mit der Tendenz zu Lebens-Erhöhung und -Heiligung. Das Christentum bedeutet Abkehr vom Leben, ist sinnenfeindlich, ohne jedoch die Konsequenz des Buddhismus zu ziehen. Wäre das Christentum im Orient geblieben, so wäre es dem Buddhismus ähnlich geworden. Europa aber hat es seiner Aktivität entsprechend umgewandelt, hat es seinem Lebensrhythmus angepaßt. Das moderne Europa existierte nicht, hätte Europa mit dem Christentum Ernst ge-