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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 4 · p. 239

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 4
Article
Ein Rabbinerbuch [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
239 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Ein Rabbinerbuch 239 sondern ihm ein Lächeln abnötigen wird: „Diesen Widerspruch aber für das Judentum unserer Zeit und unserer Welt zu lösen, wenigstens es zu versuchen, ist die Aufgabe, die ungeheure, dieses Buches. Das ist die Aufgabe/ die meines Wissens bis heute noch keiner wagte, und vor der ich selber zittere, da ich sie wagen soll. Aber ich wage sie.'* Nun kommt die Predigt gegen die böse „Zeit". Wer hätte sie noch nicht gehört oder — wenn er bisher listig vermieden hat, Predigten zu hören — im Feuilleton der Frankfurter Zeitung gelesen. Der Rezensent gesteht, daß er sich angesichts dieses wilden und allseitigen Losschlagens schon seit längerer Zeit moralisch genötigt findet, sich auf die Seite des so grausam mißhandelten Schwächeren zu stellen, und sich als einen Rationalisten und Materialisten bekennt. Ein Freund, dessen Urteil ich aus Besorgnis, vielleicht ungerecht zu sein, einholte, schreibt mir: „Ich glaube ferner, daß Moses Mendelssohn nicht umsonst gelebt, daß Eisenbahn und Telephon nicht umsonst erfunden worden sind. Mir sind auch meine Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde, die in die Zeit gehören, die eben abläuft, so lieb wie die Vorfahren vor tausend und die Nachkommen nach tausend Jahren, oder besser, ich wäre froh, wenn ich wüßte, daß sie nicht schlechter waren und sein werden als. die Menschen meiner Zeit." Der allgemeinen Predigt über die Zeit folgen drei Spezialpredigten gegen ihren Kapitalismus, Sexualismus, Nationalismus, wirklich schöne Predigten, von denen ich ohne vorherige Anfrage beim Bonner Synagogendiener wetten möchte, daß sie so wirklich gehalten worden sind. Dann kommt der wertvolle Teil des Buches. Zwei lange Abschnitte, jeder für sich so lang wie der ganze bisher besprochene Teil des Buchs, bringen eine Darstellung und Kritik des zeitgenössischen jüdischen Wesens in seinen verschiedenen Gruppen und Richtungen. Hier ist in der Sache viel Beherzigenswertes gesagt. Sowohl die Kritik am Liberalismus wie die an der Orthodoxie trifft 2u; wie es mit der Kritik der zionistischen Entwicklung ist, darüber enthalte ich mich als Außenstehender — denn Cohn gibt innere Kritik — des Urteils. Auch die, eine längere Strecke füllende und auch sonst gelegentlich eingestreute, Kritik an Martin Buber und seinem Einfluß geht wenigstens in der rechten Richtung, wenn sie auch der persönlichen Entwicklung des Mannes nicht gerecht wird, die noch durchaus nicht, wie Cohn meint, im tragischen fünften, sondern noch im unberechenbaren zweiten Akt steht. Fragt man, in welchem zeitgenössischen Zusammenhang die Richtung der Kritik wie der ihr folgenden Forderungen steht, so ist die Antwort leicht. Mindestens seit der Berliner Tagung des Liberalen Rabbinerverbandes vom Januar 1922 zeichnet sich ganz deutlich eine starke Gruppe meist jüngerer liberaler Rabbiner ab, deren Tendenzen Rezensent mit Hoffnung und Anteil begrüßt und der der Autor der vorliegenden Schrift, 4nag er es wahrhaben wollen oder nicht, durchaus zuzurechnen ist. Denn auch seine Forderungen, die der nun folgende „Aufruf", der dem Ganzen den Untertitel gegeben hat, enthält — Rückkehr zum hebräiscnen Gottesdienst, zum „Glauben", zur Forrri —, sind ganz und gar die Forderungen jener Gruppe. Des Autors Eigentum ist aber wieder die Art, wie er diese Forderungen einführt. Seit einiger Zeit ist, nachdem „Erlebnis" und „Leben" hoffnungslos zu Schlagworten breitgeschlagen sind, bei den Menschen, die von diesen Dingen sprechen müssen, das Wort „Wirklichkeit" in Gebrauch gekommen. Es wird von ihnen mit Vorsicht behandelt, denn es ist ihnen bewußt, daß auch dieses Wort zum Schlagwort entleert werden kann; so gebraucht man es unter den Wissenden nur zaghaft und sparsam, und nur dann wenn man einen Terminus will; sonst schont man es und gebraucht die Worte, die der einzelne Augenblick und der einzelne Fall nahe legt. Dieser Bann ist nun dank Cohn gebrochen. Mit donnerndem Getöse führt er auf Seite 178 „was allein religiöse Schöpfung ist: — Wirklichkeit" auf seine Bühne und reitet das Wort auf den folgenden Seiten unheilbar zuschanden. „Dat helpt nunix, wir sünn enndeckt." „Wirklichkeit" oder vielmehr die drei „Tore", die nacheinander zu ihr führen ist, also die hebräische Sprache, die jüdische

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