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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 1 · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 1
Article
Im Lande der Seligen
Date
1921-01-01
Page
20 (sequence 8)
Language
German
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20 David Koigen: der „Riziner", der „Libawitscher", der „Koretzer" und hundert andere Fürsprecher der begeisterten Massen sind noch lebendig im Volksbewußtsein, und immer wieder wird mit zarten Händen die wunderbare Mär von den Alten weitergesponnen. Im Zentrum ragt der „Zaddik", der „Rebbe" hervor, wie er an den Geschicken der Welt, der wirklichen, unsichtbaren großen Welt in eigener Person teilnimmt, wie er ihr großes Leid trägt und überall hin himmlische Freuden spendet, wie er betet, aus sich, aus dem irdischen Ich heraustritt, und den Tag weiht. Und der Chassid ist bereit, sein Hab und Gut, seine ganze Seele für ein einziges Wort des .Gerechten hinzugeben. „Ich für *) zim Rebben kan2) Libawitsch Und wus her ich ach 3), Ich für fim4) Rebben kan Chaslawitsch Und wus darf ich ach5)." Von irgend einem ,,Chaslawitsch" bis zu irgend einem „Libawitsch", und von „Libawitsch" bis „Chaslawitsch" saust das trunkene, vom Orgiasmus des freien beflügelten Geistes erfaßte Leben des Chassid dahin. Gleich allen verrichtet er die Geschäfte des Daseins, zimmert oder treibt Handel, lernt die Thora und zeugt Kinder, und immer ist es der „Rebbe", die Glorie seines Daseins, immer ist es das enthüllte große Weltgeheimnis, dem sein Sinn gehört. Durch die neue Offenbarung nimmt denn auch er, der kleine einfache Mann, teil an dem Drama des Daseins, er ist ein vollberechtigter Teilhaber des Weltgeschehens, der es, wenn nötig, versteht, auch gegen die Gottheit sein göttliches Recht zu behaupten. Dies ist das große Ereignis im Chassidismus, wovon unzählige Sagen und Legenden Kunde bringen: der einzelne einfache Mensch bewegt sich frei in der unsichtbaren Welt Gottes, vermag seinen Willen zu heiligen, so daß die Gottheit selber mit ihm zu rechnen hat. Der auserlesene Mensch hat die Gottähnlichkeit erlangt, und das Verhältnis des Menschen zu Gott gestaltet sich zu einem intim-freien, liebenden. Der metaphysische und sonstige Wert des Menschen ist gestiegen, der Einzelne hat an innerer schöpferischer Kraft bedeutend zugenommen. Das äußere Tun ist etwas zurückgetreten vor dem inwendigen Können und Vollbringen. Da bewahrheitete sich wirklich das Wort des Psalmisten: Es ist eine Zeit, da man um des Ewigen willen das Gesetz zerbrechen darf. Und der Chassid überschritt itx der Tat oft die strenge Satzung und feste Regel, die ihm der Rabbinismus zur Vorschrift machte, und noch in höherem Maße spottete er d e r Gesetzes- und Vorstellungswelt, die die Haskala, die jüdische, von Moses Mendelssohn aufs neue eingeleitete Aufklärung ihm gegenüberstellte. Er setzte sich über die Grenzen, die die Verstandeskultur gezeichnet hatte, frei hinweg, ohne dabei an den Leidenschaften und irdischen Dingen sonderlich zu kleben. Immer war er bereit, der Trunkenheit sich hinzugeben, stets wollte er aus sich, aus der irdischen Hülle treten, und wenn er sich dem Eros und dem Tanz hin- *) fahre. 2) nach. 3) Was höre ich auf euch? 4) vom. 5) Wozu brauche ich euch?

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