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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 11 · p. 656

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 11
Article
Theodor Herzls Tagebücher
Date
1921-01-01
Page
656 (sequence 8)
Language
German
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656 - Ern st Simon-: Heer sollten die Gottesdiener dem Staate dienen und ihn.schmücken — über allem aber werde er, der Staat, der starke, mächtige Bismarckische Nationalstaat schweben, ihm werde alles gehören, alles ihm untergeordnet sein... Die Idee des . „Judenstaates" erhält, für Herzl im Zusammenklang der beiden Worthälften erst dann ihren vollen Symbolwert, wenn sie beide ganz in der antithetischen Fülle ihre Bedeutung erfaßt sind: die ohnmächtigen Juden und der allmächtige Staat kamen im Geiste seines Schöpfers auf eine zugleich blutvolle und abstrakte Weise zusammen. Blutvoll — weil die historische Notwendigkeit, die „Juden" und „Staat" seit zwei Jahrtausenden auseinandergerissen hatte, in einem gewaltigen, rauschartigen Impuls überwunden wurde; abstrakt, weil die echten Leiden des vertriebenen Judenvolkes nicht in das assimilierte Bild dieses „Judenstaates" eingingen. Die Erlösung der Thorah, die erneute Verbindung der „Konfession" gewordenen jüdischen Religiosität mit dem täglichen Leben jüdischer Menschen, der Erneuerungswille, der bis in die ursprünglichsten Tiefen greift — das alles war für Herzl fremd und tot. Deshalb konnte er von „Klerus" sprechen, deshalb mit „religiösem Antrieb" rechnen, deshalb vor „Hierarchie" warnen. Immer wieder zeigt sich, wie sehr er von außen kam. Das muß man sehen, um die Größe des Herzischen Werkes und die Bedeutung seiner Tagebücher richtig einschätzen zu können. Zwar — noch dieser letzte Vorbehalt ist zu machen — zu einem Teil hat Theodor Herzl wohl gerade seinen Schwächen die große Wirkung zu danken, die er geübt hat. Seine „königliche" Geste, das Umgehen mit den „Großen der Erde", jene diplomatischen Verhandlungen, deren gegenständliche Bedeutung in den Dokumenten der „Tagebücher" sehr zusammenschrumpft — all das, was unsere Skepsis weckte, hat auf weite Kreise gerade der Ostjudenheit gewaltig eingewirkt. Man empfand es befreiend nach der langen Nacht des Golus, daß hier jemand auf der Menschheit Höhen wandelte und daß er nicht durch die Hintertür der Assimilation, sondern auf dem Königsweg offener jüdischer Politik in diese Region gelangt war. Ein Rausch der Normalität, die Fiktion einer „richtigen" jüdischen Politik mit „richtigen" Kongressen, Telegrammen, diplomatischen Verhandlungen, Abstimmungen, Entschlüssen strömte von diesem Manne aus, dessen herrische Gestalt und gepflegte Wucht ihn zudem als den ersten wirklich ganz freien und aufrechten Juden erscheinen ließen. Seine wahrhafte Größe und seine im eigentlichen Sinne historische Rezeption fand Theodor Herzl indes erst dann, als die Last des jüdischen Volkes ihn langsam wieder zu beugen begann. Unter dieser Last ist er gewachsen. Nur wer die „Tagebücher" vom ersten bis zum letzten Wort durchliest, kann das Wachstum nacherleben. Ihm stellt sich dieses unerhörte Bekenntnisbuch dann als ein Buch der Wandlung dar, als das es in keiner Weise gedacht ist. Ein Literat wandelt sich in einen Menschen. Man kann sehr genau verfolgen, wie das geschieht. Es ist zunächst

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