Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 589

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Palästinas Eintritt in die moderne Weltwirtschaft
Date
1921-01-01
Page
589 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101186-3107355--5472-3107380
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Palästinas Eintritt in die moderne Weltwirtschaft 589 nahmen abgesehen, das charakteristische Kennzeichen aufdrücken. Durch die obengewählte Bezeichnung will ich daher nicht so sehr die Identität oder Aehnlichkeit zwischen der Volkswirtschaft Palästinas und der fortgeschrittensten Länder Europas hervorheben, als vielmehr den wachsenden Unterschied zwischen den Wirtschaftsverhältnissen Palästinas und denen der übrigen Länder Vorderasiens. Unter dem Eintritt Palästinas in die moderne Weltwirtschaft wollen wir also denjenigen Prozeß verstehen, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts einsetzt und der im Lauf von wenigen Jahrzehnten aus Palästina, der am meisten verwahrlosten und ausgebeuteten unter den türkischen Provinzen, das wirtschaftlich vorgeschrittenste Land Vorderasiens gemacht hat. Die Gründe dieser vom volkswirtschaftlichen Standpunkt hochinteressanten Erscheinung sind bisher viel zu wenig erforscht und zusammengefaßt worden, obwohl es doch augenscheinlich ist, daß eine erschöpfende Charakterisierung der palästinensischen Volkswirtschaft der Gegenwart," die das Verständnis für deren Merkmale und Entwicklungsmöglichkeiten wecken soll, unmöglich ist, wenn man nicht auf diesen Prozeß zurückgreift, der das moderne Palästina geradezu geschaffen hat. Es fällt allerdings schwer, den sehr verworrenen und ganz und gar unregulierten Prozeß auf einen einheitlichen Gesichtspunkt zurückzuführen. Ich glaube, wir charakterisieren ihn am besten, wenn wir ihn als eine wachsende Verknüpfung Palästinas mit Europa bezeichnen. Denn dies ist klar: Aus eigenen Kräften und eigener Initative hätte das Wiederaufrichten Palästinas nicht erfolgen können. Hierzu waren weder die politischen Möglichkeiten vorhanden, noch war der Kulturstand der Bevölkerung hoch genug, um in ihr ein Bedürfnis nach höheren Wirtschaftsformen entstehen zu lassen. So sind denn alle Aenderungen, die sich seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts in den wirtschaftlichen (übrigens auch kulturellen) Verhältnissen Palästinas vollzogen haben, letzten Endes auf die — unmittelbare oder mittelbare — Einwirkung Europas zurückzuführen. Es gilt nur diejenigen Richtungen herauszufinden und systematisch zu ordnen, in denen diese Einwirkung stattgefunden hat. Ich teile nun in der Folge all diese Richtungen, um sie dem Leser leichter faßbar zu machen, in bestimmte Hauptgruppen ein. Ich betone es aber mit aller Entschiedenheit, daß es nur deswegen geschieht, um irgendwelche Systematik in diese Bestrebungen hereinzutragen, die sich sonst nur als chaotisches und schwer verständliches Gewirr darstellen würden. Ich bin mir vollkommen im klaren darüber, daß eine reinliche Scheidung hier so gut wie ausgeschlossen ist und daß die Einfügung einer Richtung in diese oder jene Gruppe nur nach ihren wesentlichsten, nach außen am meisten in Erscheinung tretenden Merkmalen erfolgt, ohne daß dadurch ihrer inneren mehr oder minder starken Verwandtschaft mit einer Richtung der anderen Gruppe präjudiziell: wäre. Die Eigenart Palästinas, die sich aus seiner geschichtlichen Vergangenheit ergibt, macht dieses Durcheinanderwirren der Motive, die bei der Einwirkung auf seine wirtschaftlichen Verhältnisse mitgespielt haben, erklärlich. Unter diesem Vorbehalt kann nun die wachsende Verknüpfung Palä-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.