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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 515

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Nachbemerkung
Date
1921-01-01
Page
515 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Soziologie 5X5 Bahnlinien — die strategische, und also auch die wirtschaftliche — streitig zu machen. Ein Palästina, das — in der Idee — nach Selbständigkeit strebt, ist für England sehr viel ungefährlicher als eins, das nach Vereinigung mit einem großen, verwandten und benachbarten Reiche strebt Muß man das wirklich erklären? Solange das Arabertum im Zustand der Zersprengtheit bleibt, eine Depositur britischer Wirtschaft; sobald es an die Sammlung geht, eine Enklave britischer Macht: — so haben englische Politiker gerechnet. Die Rechnung ist erschüttert worden — sowohl durch innere Gründe der Imperlalpolitik, als aber auch durch die Schwäche der jüdischen Aktion. Die Juden haben sich nicht als Rechnungsfaktor glaubhaft zu machen vermocht. Aber in modifizierter Form besteht sie fort, und es wäre gut, wenn wir mit ihr rechneten. 2. Die Frage nach dem Vorteil der zionistischen Bewegung zur Legitimierung des englischen Anspruchs auf Palästina erledigt Kaznelson durch die einfache Gegenfrage, warum England dann die andern Mandate erlangt habe, ohne einer solchen Legitimierung zu bedürfen. Zur Antwort auf diese Gegenfrage verweise ich ihn auf das wirtschaftsgeschichtliche und wirtschaftspolitische Material, z. B. auf das bekannte Werk von Verney undDambmann, aus dessen Studium sich unanzweifelbar ergibt, daß in Palästina eine vielfältige Rivalität der Interessen bestand, mit der sich keine in einem andern Land auch nur vergleichen ließe. Syrien schaltet aus, weil Frankreich sich dort längst eine anerkannte Interessensphäre geschaffen hatte; daß es diese Sphäre (wie es das Sykes-Picot-Abkommen vorsah) bis tief in Palästina hinein verlängerte, das eben ist durch das — slt venia verbo — britischjüdische Bündnis verhütet worden. Und was Mesopotamien betrifft: wie3 gern England sich einen Rechtsanspruch darauf gesichert hätte, kann sich jeder denken, der die Geschichte gerade dieses Mandats bis heute verfolgt hat; aber — da bot sich eben keiner an! 3. Daß für einen Mann wie Smuts, aber auch für Baifour ideelle Motive bestimmend waren, glaube ich gern; überhaupt stelle ich mir den Politiker keineswegs als einen staatsutJlitaristischen Apparat vor, sondern als einen Menschen, der seine Handlungen auch vor einem humanitären Gewissen gerechtfertigt sehen möchte. Aber zu Regierungsbeschlüssen reifen humanitäre Motive nur, wenn sie den staatserhaltenden Zwecken, für die alle Regierungen eingesetzt sind, dienstbar gemacht werden können. Wer das noch nicht gewußt hat, sollte von der Geschichte" der russischen Hungersnot eines Schlimmeren belehrt worden sein. Gustav Landauer, der es wußte, schrieb einmal auf dem Fragebogen eines Literaturkalenders «1 die Rubrik „Hauptgebiet der schriftstellerischen Tätigkeit": „Antipolitik". Was man aber nicht als Apolitik mißverstehen darf. Martin Buber SOZIOLOGIE Das antike Judentum*) Wenn Max Weber in der captatio benevolentiae, die er den dritten Band seiner Aufsätze zur Religionssoziologie einleiten läßt, keine neuen Auffassungen, sondern nur in gewissem Umfange neue soziologische Fragestellungen zu geben verspricht, so scheint er damit das wissenschaftlich übliche Maß von Bescheidenheit weit überschritten zu haben. Denn ganz sicher ist ein großer Teil des Wesentlichen in diesem Buche neu im Sinne einer neuen Art, historische Tatsachen anzusehen und zu deuten, und es ist kaum möglich, die dadurch erreichten Ergebnisse auf das Konto der erstmaligen ökonomisch-soziologischen Betrachtung zu setzen, denn diese wurde wiederholt versucht, ohne auch nur zu entfernt ähnlichen Aufschlüssen zu gelangen. Ein anderes ist es zu fragen, ob die Ergebnisse „richtig" sind — und das kann im Falle des antiken Judentums nur heißen: psychologisch, religionspsychologisch insbesondere, plausibel. Diese Plausibilität kann sich einmal auf die Leltideen der Gesamtbetrachtung, zum zweiten auf die einzelnen, mit den Leitideen nur sehr lose zusammenhängenden Deutungsversuchen herausgegriffener historischer Tatbestände beziehen. In beiden Richtungen gibt das Buch zu denken und ruft Widerspruch nicht viel seltener als Zustimmung hervor. Von einem bis zum anderen Ende zieht sich eine einzige soziologische Auffassung des Judentums, die ihm von vornherein eine sehr bestimmte — und sehr einseitige — Prägung gibt, eine Auffassung, die so landläufig sie auch dem Galuthjudentum gegenüber geworden ist, doch selten mit solcher Schärfe und Konsequenz auch auf das territorial selbständige Judenvolk angewendet wurde: die Charakterisierung der Juden als Pariavolk. Und weil die Pariavolksauffassung hinter aller Einzelforschung immer wieder sichtbar wird, die ethischen und künstlerischen Leistungen auch des vorexilischen Judentums als Ausflüsse dieser letztlich geographisch bedingten Situation erscheinen, erhalten alle Zusammenfassungen eine merkwürdige Aehnltchkeit mit geschichts- *) Die nachfolgenden Bemerkungen über den „Das antike Judentum" betitelten dritten Band von Max Webers „Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologle" (Tübigen 1921) erheben keinen Anspruch darauf, als Rezension gewertet zu werden und stellen auch keine Kritik im eigentlichen Wortsinn dar, sondern höchstens ein fragmentarisches und subjektives Glossar.

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