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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 8 · p. 512

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 8
Article
Die Lage
Date
1921-01-01
Page
512 (sequence 3)
Language
German
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512 Umschau: Politik es hätten bestimmen sollen und müssen, wie ein späterer Betrachter meint, sondern die es eben bestimmt haben, wenn auch irrtümlicher oder unrichtiger Weise. Der Beweis, den Martin Buber in seinen Aufsätzen „Zur Klärung" und „Streiflichter**) wie in der Zitatensammlung „Das wirtschaftspolitische Interesse an Palästina"**) für seine von mir angefochtene Anschauung antreten will, ist, soweit er sich auf das Historische bezieht, ein Indizienbeweis. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, welch ein untaugliches Mittel zur Wahrheitsermittlung die kombinatorische Kraft des Indizienbeweises gegenüber der manifestierenden von Augen- und Ohrenzeugen ist. Die Zeugenschaft Weizmanns als unmittelbar beteiligten Partners in den Verhandlungen mit der englischen Regierung ist gewichtig genug, um nicht durch die von Buber angeführten Indizien entkräftet zu werden, besonders da sie noch durch Aeußerungen eines einflußreichen Zeugen von der Gegenseite, des Generals Smuts, zur Zeit der Balfour-Deklaration Mitglied des englischen Kriegskabinetts, unterstützt wird. Ist also auch der Nutzen der zionistischen Bewegung für England — nicht, wie nochmals hervorgehoben sei, der Nutzen Palästinas! — ein immerhin problematischer, so war die Impression Englands von der ideellen Macht des Weltjudentumsund seiner Möglichkeit, die öffentliche Meinung Europas und Amerikas zij. beeinflussen, stark genug, um die Anerkennung der jüdischen Ansprüche auf Palästina herbeizuführen. Per gleiche ideelle (durchaus nicht real-, also auch nicht wirtschafts-, Verkehrsetc. politische) Einfluß der in zahlreichen Einzel- und Massendemonstrationen eindrucksvoll organisierten jüdischen Öffentlichen Meinung war es auch, der jetzt trotz der gegnerischen Aussagen angesehener Reformrabbiner und arabischer Vertreter vor der Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten die einstimmige Annahme der prozionistischen Resolution im amerikanischen Senat durchgesetzt hat. Aber — dies ist die Kehrseite — solche Manifestationen können eben auch nur wieder Manifestationen hervorrufen. Deren Sympathie verpflichtet im Grunde zu nichts und verlangt keine Opfer. Ergibt sich, wie jetzt in England, die Notwendigkeit realer Leistungen, denen ebenso reale Gegenleistungen nichTgegenüberstehen, dann wird auch ein früher widerspruchslos angenommener und vielleicht auch dogmatisch geglaubter Satz zum Problem, das frühere ideelle Interesse weicht einem viel skeptischeren und durchaus begrenzten realen. Ich weiß nicht, ob es Weizmanns Absicht war, mit der in seiner Schlußrede zur Generaldebatte auf dem Karlsbader Kongreß unternommenen *) Heft 5 und 7 dieses Jahrgangs. **) Hett 6. kurzen Darstellung der englischen Beweggründe, die zur Balfour-Deklaration führten, die wahre politische Situation des Zionismus im gegenwärtigen Zeitpunkt ersichtlich werden zu lassen. Sie konnte jedenfalls nicht besser als dadurch gekennzeichnet werden. Für den, der zu hören oder zu lesen versteht, bedeutet sie nichts anderes, als die bisher vielleicht nicht einmal heimlich ausgesprochene Wahrheit, daß Englands Interesse am Zionismus und am jüdischen Palästina ein durchaus begrenztes und zwar ein sehr eng begrenztes ist, und daß wir. nicht nur im Entscheidenden, sondern so gut wie ganz auf uns allein angewiesen sind. Viel mehr als für England gilt dies natürlich noch für die anderen Mächte. Um zu konkludieren: England kann zionistenfreundlich sein, mit fast ebensolcher Leichtigkeit aber auch araberfreundlich. Was England heute am Zionismus festzuhalten veranlaßt, ist nicht seine Einsicht in den ökonomischen und sonstigen materiellen Wert der zionistischen Bewegung für Palästina, sondern außer der Rücksicht auf das Weltjudentum sein Wunsch, das von ihm gegebene Versprechen zu halten. Das verlangt auch der ausgeprägte Sinn des Engländers für „fair play". Darauf aber heute, noch dazu in der Weltpolitik, zu bauen, wäre Leichtfertigkeit. Wir .haben, wenn wir der Wirklichkeit ins Gesicht blicken wollen, von England in Palästina auch künftighin nicht mehr zu erwarten als heute und man weiß, was das bedeutet: Gleichberechtigung mit den Arabern, aber kaum ein Vorrecht, das uns unsere Aufgabe erleichtern könnte. Es gilt für uns ebenso wie für Einwanderer in manche andere Länder nur der eine Grundsatz der offenen Tür und auch dieser nicht ohne jede Einschränkung. Ich habe bereits vor einiger Zelt in der „Jüdischen Rundschau" ausgeführt, daß damit praktisch sich eigentlich kaum etwas an dem Zustand vor dem Kriege geändert hat. Politisch bedeutet trotzdem nach einem solchen Kriege, der fast für jedes Land grundlegend neue politische Entscheidungen getroffen hat, schon die Aufrechterhältung des Status quo eine große Errungenschaft. Denn in der Linie der „natürlichen" Entwicklung und im Sinne der die.Zeit des Kriegsausgangs beherrschenden Idee eines manchmal ganz doktrinär und formal gefaßten Selbstbestimmungsrechtes lag es, Palästina seiner heute in der Majorität befindlichen arabischen Bevölkerung zuzusprechen. Inwieweit sich jedoch die. politische Situation trotz der Balfour-Erklärung gegenüber der Vorkriegszeit zu unseren Ungunsten verschoben hat, darüber ist welter unten die Rede. Nur nebenbei sei noch darauf hingewiesen, daß die Erkenntnis von dem begrenzten Interesse Englands am Zionismus auch beweist, wie sehr konstruiert Bubers Annahme von einem wirtschaftspolitischen Interesse Englands an

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