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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 6 · p. 376

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 6
Article
Gegen den "amerikanischen" Zionismus
Date
1921-01-01
Page
376 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN GEGEN DEN „AMERIKANISCHEN« ZIONISMUS Gegenüber allen denen, für die der Zionismus mehr bedeutet als eine Kolonisationsgesellschaft, Palästina mehr als die Konzentrierung einiger Millionen Juden, ist in letzter Zeit die Behauptung laut geworden, sie diskreditierten das ganze Werk. Die Betonung des nationalen Elements im Zionismus müsse verschwinden, um die gesamte Judenheit zur Mitarbeit heranzuziehen; als Vorbild habe nicht das konstituierte Schema irgend eines Literaten zu dienen, sondern die Kolonisationsgeschichte aller anderen Völker. Palästina könne nicht mit Ideologien aufgebaut werden, es liege nicht außerhalb der Welt: die Wirtschaftsgrundsätze, die für Europa und Amerika gültig seien, seien auch für Palästina entscheidend. Ich will im Folgenden versuchen, mit den Befürwortern dieses Standpunktes, den man in unseren Reihen den „amerikanischen" nennt, — ohne ihn dadurch geographisch zu begrenzen — auf Ihrem eigenen Boden zu debattieren, um nicht von vornherein den Vorwurf auf mich zu laden, daß ich in bestimmten Vorstellungen befangen an die empirischen Gegebenheiten Gesichtspunkte herangebracht hätte, die der Gegner nicht anzuerkennen braucht. Zunächst: wir sollen so kolonisieren wie andre Völker; wie liegt hier der Sachverhalt? Ohne die europäische Kolonlsationsgescshichte in irgend einer Weise als Beleg heranzuziehen, wird zugestanden werden, daß in allen Fällen hier bereits ein territoriales Zentrum vorhanden war, von dem die kolonisatorische Bewegung ausging, das ihren Mittelpunkt bildete in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Kann man, wenn man uns die Kolonisationsgestaltung anderer Völker als Vorbild vorweist, davon abstrahieren, daß es in der wesentlichsten Grundbedingung für die Lage des jüdischen Volkes keine Parallele in der ganzen Welt gibt? Und weiterhin, wenn andere Völker kolonisiert haben, so sind zwei Möglichkeiten denkbar und auch zu vielen Malen in * der Geschichte verwirklicht. Entweder ein Volk unterwirft ein anderes und gibt an das Territorium seiner früheren Feinde im wesentlichen Kräfte in leitenden Stellungen ab. Oder es kolonisiert im wahren Sinne des Wortes, d. h. das Mutterland schenkt dem neu zu besiedelnden Gebiet Männer aller Berufszweige, die dieses zu erschließen bestimmt sind. Es bedarf keines Wortes, daß nur die letzte Art der Kolonisation der Idee des Zionismus zu genügen vermag. Und die Folgerung für unser Problem? Wenn andre Völker kolonisiert haben, so wiesen sie bereits in ihren Ausgangsterritorien eine soziologische Struktur auf, In der sämtliche Berufe in der richtigen Proportion vertreten waren. Eine Umschichtung der Berufe in größerem Umfange für ihre kolonisatorische Tätigkeit war daher in keiner Weise notwendig, lediglich eine Auswahl unter dem Gesichtspunkte der Anpassung an andersartige geographische, klimatische, in gewissen Grenzen auch wirtschaftliche Bedingungen. Auch in diesem Punkte ist die Lage des jüdischen Volkes von einer Eigenart, für die wir kein zweites Beispiel in der Geschichte der letzten Jahrtausende haben. Ich bin in anderen Zusammenhängen auf dieses Problem in meinem kürzlich erschienenen Buche*) eingegangen. Es sei mir erlaubt, daraus folgenden Abschnitt zu zitieren: „Die Juden in den Diasporaländern bilden — dies gilt sowohl vom Westen wie vom *) „Die Juden als Träger einer neuen Wirtschaft in Palästina«. Wien 1921. S. 108 ff.

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