Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 347 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 347 Rachmim" und das des gestrengen, das Gesetz vollstreckenden Gerichtes, die „Middat ha-Din", „Middat ha-Rachmim" ist das Prinzip der Liebe, etwa im Sinn: „Gnade vor Recht«, und „Middat ha-Din" das Prinzip des rücksichtslosen Urteils und Strafvollzuges, sozusagen genau nach den Bestimmungen des Gesetzesparagraphen. In der Kabbalah werden „Rachmim" und „Din" als am Richtstuhle Gottes, gegeneinander gewissermaßen persönlich agierende Individualitäten hypostasiert. Bei der Erschaffung der Welt wie bei der geordneten Führung des Alls und ganz besonders in der Beurteilung der menschlichen Handlungen mußten und müssen „Rachmim" und „Din" sich gegenseitig harmonisch ergänzen. So erzählt eine alte Legende, Gott habe, als Er die Erschaffung der Welt beschlossen hatte, gesagt: „Wenn Ich die Welt ausschließlich unter dem Zeichen von Rachmim erschaffe, dann werden die Sünden, die Zügellosigkeit überhand nehmen, geschieht dies aber unter dem Zeichen von Din, dann hätte die Welt erst recht keinen Bestand. Ich will nun die Welt gleichzeitig unter dem Zeichen von Rachmim und Din zusammen erschaffen." (Midrasch Rabbah Bereschit. Absch. 12.15). Auch ist — in der Weltregierung Gottes — das Maß der Liebe und des Erbarmens dem des gestrengen Gerichtes weit überlegen (Tr. Jumah 76A. Tr. Sotah 11A.) Schmerzen und Tod sind eine Folge von Verfehlungen und Sünden (Tr. Sabbat 55 A.). Die Krankheit eines Menschen ist ein untrügliches Zeichen, daß „Din" bei ihm das Uebergewicht erlangt hat. Vor dem himmlischen Stahl, wo über das Geschick des Kranken entschieden werden soll, stehen Middat ha-Rachmim und Middat ha-Din oder kurzwegs gesagt „Rachmim" und „Din" in gegenseitigem Kampfe. Während „Rachmim" unter Anführung aller Verdienste und guten Taten des Kranken für dessen Genesung sich einsetzt, sucht „Din" sie . durch Hervorkehrung aller seiner Sünden und Verfehlungen aufzuheben und demgemäß seine Verurteilung und seinen Tod herbeizuführen. Die dem „Pidjon Nefesch" wie den meisten zur Abwehr von Not und Ungemach geübten Bräuchen zugrundeliegenden Handlungen bezwecken eben, daß „Rachmim" durch Fülle und Anzahl „Din" übertreffe und besiege oder wie es in den betreffenden , hebräischen Texten heißt: Rachmim soll Din „gorer" (vom hebr. Verbum „gabor" siegen) sein. Die folgenden durch Zahlen ausgedrückten Potenzen von Rachmim sollen nun in der Ausführung des Pidjon Nefesch die gleichfalls durch Zahlen zum Ausdruck kommenden Potenzen des Din überwiegen und überwältigen und dadurch den Kranken vom Tode auslösen. Der Kürze wegen soll weiterhin Rachmim mit dem Buchstaben R und Din mit D bezeichnet werden. Die hier nun in Betracht kommenden, in Zahlen ausgedrückten Potenzen v°n R und D werden folgendermaßen erklärt und begründet: Das Tetragramm JHWH, die Bezeichnung Gottes, ist in allen seinen vielfachen Buchstabenkombinationen und aus denselben resultierenden 23*