Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Um jüdisches Volkstum [Rezension]
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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5* Bemerkungen: Um jüdisches Volkstum und gemacht", zu einer Einheit gemacht aus zerfallenden Einzel Stämmen? Und dadurch eben zu dem damals vorhandenen Dutzend von Nationen noch eine hinzugefügt? Wer hat die italienische Nation „gemacht", wenn nicht Mazzini, Cavour und Garibaldi? Wer die tschechische, wenn nicht Havlicek, Kollar, Palacky und alle anderen „Wiedererwecker", bis auf Masaryk? Und so wurde auch das jüdische Volk „gemacht" von Moses Heß, Leo Pinsker und den „Chowewe Zion" aller Länder, und dann erst von Theodor Herzl. Weiß Jakob Wassermann, der das Vorpiei zu den „Juden von Zirndorf" schrieb, nicht, daß der Zionismus so alt ist wie die Verbannung des jüdischen Volkes aus seinem Lande? Weder der mechanische Automatismus der materialistischen noch der fatalistische der idealistischen Geschichtsauffassung hat recht. Geschichte geschieht nicht nur, sie wird auch gemacht. Widersprüche, Polemik und Dialektik sind die unvermeidlichen Folgen, wenn das Bekenntnis zur Kritik und die Lebensgeschichte zur politischen Diskussion wird. Nirgends ist daher auch die aus gleichem Empfinden stammende innere Unsicherheit so zu spüren, wie in Wassermanns Auseinandersetzung mit dem Zionismus. In einem der diese abschlier \. ßenden Sätze erklärt er: „Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß es gut war, was ich tat und wie ich mich verhielt; ich schildere einfach mein Erlebnis und meinen Kampf". Das sieht vielleicht nach einem Alibi-Beweis aus, aber als Kennzeichnung der Absicht des Dichters, wenn auch nicht ihrer Ausführung, nehmen diese Worte durch ihre Ehrlichkeit und ihre schmerzliche Resignation gefangen. Das Erlebnis ist wahr, auch wenn sein Gegenstand es nicht ist, mögen skeptische oder' aufklärerische Rationalisten ruhig behaupten, der Dichter lüge oder der religiös schöpferische Mensch schwindle. Darum wäre es auch Anmaßung und Selbstgerechtigkeit, dem Dichter Wassermann sein erlebtes Deutschtum zu bestreiten und ebenso das von ihm empfundene Judentum. Beide sind Wahrheit und Realität, weil sie als solche erlebt wurden. Anderseits wage ich nicht zu entscheiden, ob das Deutschtum in Wassermanns „Caspar Hauser" identisch mit jenem in Eichendorffs „Taugenichts" oder Kellers „Grünem Heinrich" oder Stehrs „Heiligenhof" ist. Ebenso sei es auch unterlassen, den Juden als Deutschen, den Wassermann 1921 schildert, mit dem Juden als Orientalen zu konfrontieren, von dem schon in seinem 1908 erschienenen Buch „Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit" und dann ausführlicher 1913 in seinem Beitrag zum Sammelbuch „Vom Judentum" die Rede ist. Was besagen beide Fragen, mögen sie zu beantworten sein oder nicht, vor der unvergleichbaren, unwiederholbaren Erscheinung dessen, dem sie gelten. „Nation ist nichts Absolutes, sondern eine vielfältige Relation", ist in dem schönen Essay Gustav Landauers „Zum Problem der Nation" zu lesen, der in dem neuerschienenen Bande seiner gesammelten Aufsätze („Der werdende Mensch"; G. Kiepenheuer, Potsdam) Aufnahme gefunden hat. Das Deutschtum und das Judentum in einem Dichter sind nichts Absolutes. Rang und Bedeutung allein, von sich und durch sich hat nur seine Künstlerschaft und seine Menschlichkeit. Landauer meint beispielsweise, daß Rodin „sicher mehr der Nation der Bildhauer als der Franzosen angehöre". So darf auch von diesem deutschen und jüdischen Dichter gesagt werden, daß das Erlebnis seines Werkes und Wirkens wohl jedem ein anderes in nationaler Beziehung aussagen wird, sowohl Deutschtum wie Judentum, allen aber den einen, in allen Wandlungen und Gestaltungen gleichen Dichter, den Träger jener geistigen Welt, über der der Name Jakob Wassermann steht. Siegmund Kaznelson