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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 743

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Volksbildung in der Ukraine
Date
1920-01-01
Page
743 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Völkerpsychologie 743 Stiftung hat keine Kosten gescheut um jüdische Handwerker auszubilden und sie übergab in den Jahren 1900—1908 insgesamt 2962 jüdische Lehrlinge den Meistern in die Lehre. Unsere Uebersicht über die Schul- und Bildungsverhältnisse ist natürlich sehr mangelhaft, da sie sich auf veraltetes und unvollkommenes statistisches Material stützt. Die Verhältnisse scheinen aber in der Westukraine günstiger zu sein als in der Großukraine. Hier und dort fehlte es an Zentralinstitutionen, von denen aus die jüdischen Schulen nach einheitlichen Gesichtspunkten, entsprechend den Anforderungen der modernen Pädagogik und im nationalen Sinne geleitet werden könnten. In der Großukraine sind die Anfangsversuche des jüdischen Ministeriums nicht weit gediehen, das jüdische Vorparlament, das im November 1918 in Kiew tagte, hatte viele andere aktuelle Fragen zu regeln, und in der Perlode der heillosen Anarchie und Pogrome konnte natürlich nicht das mindeste auf diesem Gebiete getan werden. In Ostgalizien wurde die Schulfrage bei der ersten Tagung des jüdischen Nationalrats Dezember 1918 eingehend erörtert. Es wurde beschlossen, einen besonderen jüdischen Schulrat einzusetzen, der in kürzester Zeit eine Konferenz aller jüdischen Schullehrer einzuberufen hätte, Lehrerseminare für die hebräische und jüdische Sprache zu errichten, die Eröffnung von Parallelklassen für jüdische Schüler zu fordern, falls in der betreffenden Klasse über 30 Schüler sich befinden sollten (diese Forderung betrifft sowohl Volksals Mittelschulen,) die Einführung der hebräischen Sprache als obligaten Unterrichtsgegenstand für die jüdischen Schüler in Volks- und Mittelschulen, ohne Rücksicht auf die Zahl derselben, zu verlangen^ in Ortschaften, wo es über 100 schulpflichtige jüdische Kinder, aber keine Volksschule gibt, sofort eine öffentliche jüdische Volksschule zu eröffnen, ebenso Mittelschulen dort zu gründen, wo solche nicht vorhanden, aber die entsprechende Anzahl jüdischer Schüler aufzuweisen ist. Ferner sollen in Ortschaften ohne Volksschulen, mit einer Anzahl von weniger als 100 schulpflichtigen jüdischen Kindern Privatvolksschulen durch die jüdischen Ortsnationalräte gegründet, desgleichen private Mittelschulkurse für jüdische Kinder in den Orten eröffnet werden, wo es keine Mittelschulen gibt, und die Zahl dieser Kinder keine 100 erreicht. Die neu errichteten jüdischen Volks¬ und Mittelschulen (abgesehen von den zuletzt erwähnten privaten Anstalten) werden als Staats ans talten erklärt und die Lehrkräfte sind durch den Staat zu besolden. Die in der Ukraine vom jüdischen Ministerium und in Ostgalizien vom Jüdischen Nationalrat aufgestellten Programme haben infolge der heutigen politischen Verhältnisse einen mehr theoretischen Wert. Es ist zu wünschen, daß diese Anregungen einmal Früchte bringen. Mark Wischnitz er FORSCHUNG UND ERKENNTNIS VÖLKERPSYCHOLOGIE Der künftige Historiker wird unsere Zeit vielleicht „Das unromantische Zeitalter" nennen. Und wird dabei die Betonung nicht unterlassen, daß das zentrale Erlebnis unserer Zeit — der Krieg —, den seine Apostel als Rückkehr zur Romantik — als Wiederaufleben der Heldenromantik — preisen, in Wirklichkeit einen ganz entgegengesetzten Einfluß ausgeübt hat. Denn heute ist es jedenfalls nicht zweifelhaft, daß nicht die romantischen Ideale, sondern ganz andersartige: der Pazifismus, die soziale Fürsorge, die wirtschaftliche Gerechtigkeit die Geister befassen. Diese Umwertung der Werte konnte auch auf die Bewertung der Eigenart verschiedener Volksgeister nicht ohne Einfluß bleiben. . Damit muß aber das Judentum, bei dem die genannten Ideale besonders scharf ausgeprägt sind, in seinem spezifischen Wert steigen. Volksgeister dagegen, denen die Verherrlichung der Romantik in verschiedener Form eigen war, können bei der Revision nur verlieren. Das betrifft nicht nur das überlieferte und bis vor kurzem noch geltend gemachte germanische Kraftideal, sondern nicht minder das bisher als unantastbar geltende hellenische Ideal. Daß.diese Umwertung mit besonderer Kraft zuerst in dem Werke eines Juden (Fritz Kahn, Die Juden als Rasse- und Kulturvolk, Berlin 1920) zum Ausdruck kam, ist natürlich kein Zufall. Bemerkenswert ist aber die logische Konsequenz und der Mut, mit dem er sich gleicherweise gegen jenes germanische Ideal, gegen die dogmatische Ungebundenheit des Christentums (das ja hierin einen so scharfen Gegensatz zum Judentum bildet und dadurch allerlei Exzesse des Leibes und der Seele viel mehr toleriert) wie gegen die Romantik des Hellenismus wendet. Aber Kahn ahnt nicht, daß er in letzterer Hinsicht einen hervorragenden Vorgänger hat, dessen Denkweise sich zuweilen fast in die gleiche Ausdrucksweise kleidet, und zwar den in Westeuropa nur den Wenigsten bekannten originellen, oft visionär treffenden russischen Denker Peter Tschaadajew, der von 1794 bis 1856 lebte und der erste

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