Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Volksbildung in der Ukraine
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 741 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- Odesa 2× ep/1000834
- Ukraine 1× ep/1001131
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Umschau: Beriohte~von jüdischer Erziehung 741 BERICHTE VON JÜDISCHER ERZIEHUNG Volksbildung in der Ukraine Der Krieg und die Pogrome haben dem jüdischen Volke in der Ukraine schwere Wunden geschlagen, materielle Hilfe ist notwendig. Aber auch eine kulturelle Hilfsaktion muß einsetzen. Die vernachlässigte jüdische Schule braucht Unterstützung, um der heranwachsenden Generation geistige Waffen für den Kampf ums Dasein, für die Verteidigung unserer nationalen Kultur, unseres Volkstums liefern zu können. Die nationale Autonomie ist die Voraussetzung zur Erfüllung dieser großen Kulturaufgabe. Bevor wir uns den im Geiste der nationalen Autonomie gemachten Versuchen zuwenden, wollen wir einen Blick auf den Stand der Bildung unter den Juden in der Ukraine in den allerletzten Jahren werfen. Nach offiziellen Angaben betrug die Anzahl jüdischer Schüler und Lehrer in den Elementarschulen der Lehrbezirke Charkow, Odessa und Kiew, die fast das ganze Territorium der Großukraine umfassen: a) in jüdischen Schulen: Lehrbezirk Cheder Schulen Schüler S"rhü,er- Lehrer innen Charkow 24 13 821 334 56 Odessa 717 292 25110 14011 1709 Kiew 2112 227 45992 8793 2732 b) in allgemeinen Schulen Lehrbezirk Städtische Bezirks- Elementarschulen -Schulen Schulen Charkow Odessa Kiew 195 3239 23 207 Handwcrkcru. technische Schulen 1950' 3 20298 770 3002 30 (Die Angaben über Odessa und Kiew datieren vom 1. Januar 1915, die von Charkow vom 1. Januar 1910). Nach Ermittlungen des jüdischen Ministeriums der ukrainischen Regierung belief sich die Zahl der jüdischen Kinder in der Ukraine vom 7. bis zum 11. Lebensjahre am 1. Januar 1918 auf 270000, die Gesamtzahl jüdischerSchüler in allenSchulen (allgemeinen und jüdischen) auf 96000. Somit müßten 165000 Kinder, d. h. 65°/0 außer der Schule bleiben. Die Differenz zwischen den älteren Angaben und denen des jüdischen Ministeriums wird sich zum Teil dadurch erklären lassen, daß letzteres nicht von allen Orten Mitteilungen einsammeln konnte. Die jüdischen Schulen (Talmud Thoras) standen meistens auf sehr niedriger Stufe; sie hatten kein sicheres Budget, wurden von Wohltätigkeitssummen und dem Lehrgeld erhalten, das auch von den ärmsten Schülern verlangt würde. Es fehlte an guten Schulbüchern, Lehrmitteln, fcan Lehrern, die auf der Höhe des Berufes wären; sehr oft hatten, die Schulen keine eigenen Schulräume. Die sog. „jüdischen Staatsschulen« (Kasjonnyja schkoly), die von Geldern der jüdischen Fleisch- und Lichtsteuern erhalten wurden, wurden von einer geringen Zahl der jüdischen Schuljugend besucht, der größte Teil derselben befand sich in den traditionellen Chedarim, die keine Bildung boten. Auch war der religiöse Unterricht in diesen Anstalten nicht immer auf der Höhe. Es wuchs die Zahl der Analphabeten, eine Erscheinung, gegen die nur ein von der Regierung geleitetes Schulsystem ankämpfen kann. Das jüdische Ministerium bezeichnete mit Recht den Zustand der jüdischen- Elementarschulbildung als trostlos und leitete die .nötigen Schritte zu seiner Hebung ein. Es wurden Materialien für einen Gesetzentwuri über die Schaffung eines ganzen Netzes jüdischer Elementarschulen gesammelt und Projekte zur Eröffnung eines Lehrerseminars in Kiew (das von der Zentrairada bereits genehmigt wurde) und von Lehrerkursen in Kiew, Odessa und Jekaterinosiaw ausgearbeitet. Alle diese Pläne sind aber infolge der verworrenen allgemeinen Verhältnisse nicht verwirklicht worden. Unter anderem hat das Ministerium einem Teil der jüdischen Schuljugend die Möglichkeit zu verschaffen gesucht, ihre Bildung in 16 neueröffneten höheren Elementarschulen abzuschließen. ' Für Ostgalizien besitzen wir keine näheren Angaben und wissenbloß, daß im Jahre 1908 in ganz Galizien 78466 jüdische Schulkinder (i4R/0 aller Schulkinder) vorhanden waren, wobei wir uns vor Augen halten müssen, daß etwa */4 der jüdischen Bevölkerung Galiziens auf die Östliche Hälfte des Landes entfallen. Auffallend ist das Ueberwiegen der Mädchen — 45502 — über die Knaben — 32 964, was sich dadurch erklärt*- daß die Orthodoxie nur ungern die Knaben in die allgemeinen Schulen schickt, während sie gegen den Schulbesuch der Mädchen weniger Bedenken hegt. Die Knaben werden in den Cheder geschickt oder erhalten Privatunterricht. Die österreichische Regierung hat nicht eine einzige jüdische Schule errichtet, auch nicht in Ortschaften mit absoluter jüdischer Majorität. Baron Hirsch war der erste, der es unternahm,- spezielle jüdische Volksschulen zu gründen, deren Zahl im Jahre 1908 48 erreichte und die" von nahezu 8000 .Schülern (iio/0 aller jüdischen Schulkinder) besucht wurden. Die Baron Hirsch-Schulen trugen viel zur Verbreitung, der Elementarbildung unter den Juden Ostgaliziens bei; da sie in ihrem Lehrprogramm auch dem jüdischen Unterricht mehr Platz einräumen, die Kinder vor Verletzung der religiösen Vorschriften, insbesondere vor Entweihung des Sabbaths schützen