Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Das jüdische und das arabische Selbstbestimmungsrecht
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 737 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Zur Äraberfrage 737 von der oben die Rede war, wirklich zutrifft, England also doch seine Truppen aus Palästina zurückzieht, was obliegt dann auch einer geistig, nicht bloß einer militaristisch gerichteten Politik zu tun? Letzten Endes freilich die Schaffung des jüdischen militärischen Selbstschutzes als des letzten, verzweifeltesten Mittels. Vorher aber noch der Versuch, England zu zwingen, - den politischen Schutz, den es uns dann vielleicht auch weiter zu gewähren bereit ist, nicht zu einer leeren und wirkungslosen Höflichkeitsformel herabzuwürdigen, sondern ihn auch militärisch zu garantieren. Die Gewalt ist erst die ultima ratio, vorher hat noch die Ratio allein das* Wort. Wieder würden wir, wie vor San Remo, die öffentliche Meinung der Welt in ihren besten Vertretern und die letzten Ideale, die ihr noch geblieben sind, aufrufen gegen den Bruch der von England übernommenen Verpflichtung. Und wir würden darauf hinweisen, daß wir mehr an staatlichen Rechten verlangt hatten, als man uns gewährte, und daß man uns daher das wenige, bei dessen Annahme unserem Interesse ein gleich großes der anderen Seite entsprach, umsoweniger nehmen dürfe. Wir glauben daran, daß es uns gelingen wird, wieder jenes zumeist schlafende Weltgewissen wachzurütteln,^ dessen Stimme auch England zu fürchten hat. Wenn aber nicht, wenn sich Demokratie, Völkerbund und internationales Recht als ohnmächtige Schemen erweisen, dann, erst dann bleibt uns als letzter Weg noch die Möglichkeit offen, Palästina so zu kolonisieren, wie Amerika, Afrika * und Australien kolonisiert wurden. Und dann erst haben wir das Recht dazu. Vorher ist der Versuch einer defensiven Offensive durch Errichtung einer jüdischen Militärmacht nicht nur ebenso unmoralisch und ungerechtfertigt, wie die ehrliche und gerade Offensive unserer palästinensischen Siedlungstätigkeit moralisch gerechtfertigt ist, sondern auch — und das ist auch in der praktischen Politik das Entscheidendere — politisch dumm. Denn der jüdische Soldat bedeutet eine größere Kriegsgefahr als der englische. Der Kampf um das jüdische Militär spiegelt einen grundsätzlicheren Gegensatz wieder: den Gegensatz zwischen einem Nationalismus, dem die staatliche Selbständigkeit, und einem, dem die nationale Freiheit das Ziel ist. Der eine ist das Produkt sowohl des heutigen Zeitbewußtseins wie desjenigen früherer Epochen, bis zur Zeit Samuels und Moses zurück, da das Volk auch sein wollte wie ändere Völker. Auch der andere ist eine Kraft, die in der Geschichte unseres Volkes schon wirksam war und zumeist unterlag. Dem einen, nach außen gewendeten, ist der Staat mit seinen Institutionen: König oder selbstgewählter Präsident, Heer, Souveränität, das Höchste, das noch vor die Nation geht; der andere wendet sich nach innen und will nur die nationale Freiheit; darüber hinaus ist ihm das geringere oder größere Maß der Selbständigkeit nicht mehr entscheidend. Den Vertretern der ersten Richtung, die den „Judenstaat" sofort,. auch ohne die Juden begründen wollen und ihn gar nicht erwarten können, ist das jüdische Heer so wichtig als erstes Zeichen der staatlichen Souveränität. Sie wünschen nicht als halbsouveränes Land wie Tunis und Sansibar unter fremdem Protektorat zu stehen. Sie fühlen sich mündig und verlangen das gleiche Recht für sich, das selbst San Marino und Monaco mit ihren Soldatenhäufchen haben. Sie haben den staatlichen Ehrgeiz der anderen Völker der Welt und den cäsarischen Wunsch, wenigstens in ihrem kleinem Lande die Ersten zu sein. Sie wollen ihre Legionen und ihr nationales Heer, wie alle anderen Völker sie haben — die frisch befreiten mit besonderem Stolze — ihren nationalen Staat und die Herrschaft in ihm. Alles gleicht sich bei allen Völkern bis aufs Haar: ihr Nationalgefühl, ihre nationalen Wünsche und Ziele und ihre Volkstribunen.^ So unsäglich dagewesen und langweilig ist diese Gleichartigkeit schon, daß die sprachlichen Unterschiede eigentlich einen Austausch der verschiedenen Nationalismen und Nationalheroen nicht zu verhindern brauchten. Es ist gleichgültig, ob der Volksheld oben auf der Tribüne polnisch, tschechisch oder hebräisch zu der begeisterten Menge spricht. In Wahrheit sprechen sie ja alle die gleiche Sprache. Wiranderh aber sagen: was soll uns diese Staatenspielerei! Wir wollen nicht mehr Macht, als unsere Freiheit verlangt. Nacheinem Heer aber verlangt es sie und uns vorläufig nicht. Uns ist das jüdische Volk, und seine Heimat wesentlich, nicht der „Judenstaat", der uns nicht Selbstzweck ist. Mögen die anderen Völker mit ihren Staaten und Soldaten, Imperialismen und Militarismen, ihre irdischen Ziele verfolgen und sich durch ihre Jenseitsreligionen und transzendentalen Philosophien für ihren „peinlichen Erdenrest" entschädigen. Unser Reich ist nicht von diesen beiden feindlichen Welten. Wir stehen . auf der Erde, die uns verheißen, mitten im Leben, dessen kurze Spanne uns beschieden ist, und alle Kräfte dieser Erde und dieses Lebens, die wir unserer persönlichen und nationalen Notdurft abtrotzen können, richten sich auf unser irdisch-göttliches Staats- und Königreich: das Reich der Seele. Siegmund Kaznelson Zur Araberfrage Mein Freund Kaznelson wendet sich gegen meine Auffassung der Araberfrage in Palästina („Jude" V., Heft u). Ich glaube, daß